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Marketing & Management - MM-Interview

Herausforderung China - 14 Mio. Skitouristen bis 2010

Ausgabe 3/2006

Im Vorfeld der ALPITEC, das ein Symposium zum Thema "Herausforderung China" organisierte, wurde dessen Initiator Erwin Stricker, der ehemalige Top-Skirennl√§ufer Italiens und Gr√ľnder der Rent-a-Sport-Organisation mit nunmehr √ľber 500 nationalen und internationalen Vermiet- und Servicepartnern im Winterund Radsportbereich zum Interview gebeten. Stricker ist seit Jahren in China aktiv und engagiert sich mit S√ľdtiroler Partnern (z. B. Leitner und Plose AG) beim Aufbau von Skigebieten, unterst√ľtzt den chinesischen Skiverband in der Skilehrer- und Skifahrerausbildung und organisiert zahlreiche Events rund um den Skisport. Wie stehen nun die Chancen f√ľr die alpine Wintersportindustrie bzw. - Dienstleister, am stark expandierenden chinesischen Markt zu re√ľssieren? Thorsten Block fragte f√ľr den MOUNTAIN MANAGER nach.
Erwin Stricker, Ex-Skirennl√§ufer und Gr√ľnder von Rent a Sport, engagiert sich seit l√§ngerer Zeit in China. Foto: mak
Erwin Stricker, Ex-Skirennl√§ufer und Gr√ľnder von Rent a Sport, engagiert sich seit l√§ngerer Zeit in China. Foto: mak

MM-FRAGE: "Herr Stricker, wo liegen die Voraussetzungen f√ľr die vielversprechenden Perspektiven eines chinesischen Berg- und Wintertourismus?"

 

Stricker: "Zuallererst nat√ľrlich in der Gr√∂√üe des Landes und seinen vielf√§ltigen M√∂glichkeiten f√ľr den Wintersport, die sich √ľber ganz China von S√ľdwesten bis Nordosten erstrecken. In den gro√üen Ballungszentren boomt der Indoor-Ski, dort baut man mittlerweile die siebte Skihalle - richtige ,Skifahrerfabriken' mit 24 Stunden Betrieb - das ist absolut beachtlich. Der chinesische Skiverband plant innerhalb der n√§chsten f√ľnf Jahre ein Prozent der Chinesen zum Wintersport zu bringen. Insgesamt also 14 Millionen Menschen - und das sind so viele, wie wir momentan auf allen Pisten in Europa haben."

 

MM-FRAGE: "Kann man schon von einem breiten Ski-Boom sprechen oder √ľberwiegen doch noch eher punktuelle Entwicklungen? Gibt es Parallelen zu den Ski- und bergtouristischen Anf√§ngen etwa in Nordamerika oder Japan?"

 

Stricker: "Die chinesische Entwicklung ist recht einzigartig, das derzeitige Angebot unterscheidet sich grundlegend von den Ausgangsvoraussetzungen des Skitourismus in Amerika oder Japan. Amerika hat seine Skiresort-Kultur vor allem f√ľr reiche Leute auf der Basis von Ferieneigentum entwickelt und auch in Japan konnte die Ski- und Tourismus-Industrie auf ein ganz anderes Konsumenten-Verhalten aufbauen. Noch heute ist Japan mit gerade 10 Prozent Mietanteil der schlechteste Rentalmarkt weltweit - in China besitzt kaum jemand Skier oder Snowboards, der Mietanteil liegt hier bei 90 Prozent! √úberhaupt sind Chinas Skigebiete meist ,Snowparks', das hei√üt, sie bezahlen einen Eintritt wie bei Disneyland, k√∂nnen am Simulator skifahren, vom Restaurant aus nur zuschauen, in einem Gummireifen die Piste runterrutschen oder tats√§chlich Ski mieten - das ist alles im Eintrittspreis inbegriffen. Es gibt nur zwei ,freie Skigebiete' in China, das ist zum einen Wanlong im Chongli Country an der Grenze der Inneren Mongolei und zum anderen Yabuli in Nordchina in der N√§he von Harbin. Die Aufbruchstimmung in China ist unwahrscheinlich gro√ü. Allerdings schafft ein gewisses Chaos ebenso enorme Probleme. Noch ist alles schlecht organisiert, vor allem das Material ist in miserablem Zustand. Lange Zeit war China gewisserma√üen eine ,M√ľllhalde' des japanischen Marktes, der ja bekanntlich gro√üe Krisen durchgemacht hat. In diesem Sinne braucht die chinesische Wintersportwirtschaft unser Know-how und unsere Unterst√ľtzung."

Ein Skigebiet in der Nähe von Shanghai. 80% der Chinesen sind Anfänger. Foto:Reichmann
Ein Skigebiet in der Nähe von Shanghai. 80% der Chinesen sind Anfänger. Foto:Reichmann

MM-FRAGE: "China ist weit weg. Bis auf wenige gro√üe Hersteller, die mit einer eigenen Organisation den Markt bearbeiten k√∂nnen, gestaltet sich f√ľr kleinere Unternehmen ein Engagement meist schwierig und risikoreich. Welche M√∂glichkeiten bieten sich an?"


Stricker: "Man muss sich klar dar√ľber sein, dass alles was wir den Chinesen voraus haben, unser Know-how ist - das ist unser Kapital. Geben wir es ungesch√ľtzt heraus, kann es passieren, dass es gnadenlos und brutal kopiert wird. Um dies zu umgehen, m√ľssen wir die Chinesen an uns binden, wir m√ľssen selber unsere Hausaufgaben vor Ort machen, eigenes Kapital ins Land bringen. Diese M√∂glichkeit besteht auch f√ľr kleine und mittlere Unternehmen, wenn sie sich in Gruppierungen zusammenschlie√üen. So engagiert sich gerade eine Gruppe S√ľdtiroler Unternehmen im Bau eines Skigebietes in der inneren Mongolei, und ich bin mir sicher, dass dieses ambitionierte Projekt zu einem Modell des k√ľnftigen Skilaufs in China werden kann. Eine weitere M√∂glichkeit sind sogenannte Jumelage-Programme, das hei√üt, ein Hersteller oder Dienstleister, ja selbst ein kleines Skigebiet entwickelt vor Ort einen Beratungsvertrag mit einem chinesischen Unternehmen. Auf Basis internationaler Vertr√§ge und in Zusammenarbeit mit den richtigen Beratern kann man auch dadurch die verschiedenen Sektoren langfristig an sein eigenes Unternehmen binden."


MM-FRAGE: "Neben dem reinen Ausr√ľstungssektor - Skiindustrie, Aufstiegs- und Beschneiungsanlagen - gibt es andere Teilbranchen, die sich am Aufbau der notwendigen Infrastrukturen beteiligen k√∂nnen?"


Stricker: "Der Dienstleistungsbereich ist der gr√∂√üte Markt f√ľr uns. Hier muss dringend System hinein. F√ľr uns w√§re es kaum vorstellbar, in einem riesigen Ameisenhaufen mit stundenlangen Wartezeiten √ľberhaupt in den Schnee zu gehen. Und dann die Sicherheit: ohne Helme, ohne Netze und mit lebensgef√§hrlichen Liftkonstruktionen im Eigenbau. Wir sch√ľtteln dar√ľber den Kopf, aber wir vergeben uns auch ein riesiges Potenzial. Von der einen Million Menschen, die sich dieses Jahr zum ersten Mal in chinesische Skigebiete begeben, bleiben gerade einmal 10 bis 20 Prozent beim Wintersport.
Ein wichtiger Punkt ist die Skilehrerausbildung. Die existiert momentan praktisch nicht. Zwar dr√§ngen momentan alle Skidestinationen auf den chinesischen Markt und wollen dort ihr eigenes System umsetzen, aber das wollen die Chinesen gar nicht. Sie brauchen ihr eigenes Skischulsystem. Daran arbeitet gerade der chinesische Skiverband, der auch die Lizenzen vergibt, in Kooperation mit einer internationalen Kommission unter der Leitung von Hubert Fink, dem fr√ľheren Pr√§sidenten des internationalen Skilehrer-Verbandes. Das wird dem chinesischen Skilauf und dem gesamten Wintersport die richtige Richtung geben. Schon jetzt haben die Chinesen ja Olympiamedaillen im Skisport gewonnen - und das alleine kennzeichnet ihre Dynamik, mit der sie die vergangenen neunzig Jahre aufholen. Noch 1994 gab es kein einziges Skigebiet in China, seitdem haben sich 205 Skigebiete entwickelt. Wenn man sie denn so nennen darf, denn das reicht tats√§chlich von einer uralten Aufstiegsanlage mit einem einzigen Skilift bis zu modernen Snowparks."

Erwin Stricker und der Pr√§sident der Bozener Messe, Dr. Gernot R√∂ssler (2 v. l.) √ľbberreichten Repr√§sentanten chinesischer Skigebiete auf der Pro Winter Geschenke.
Erwin Stricker und der Pr√§sident der Bozener Messe, Dr. Gernot R√∂ssler (2 v. l.) √ľbberreichten Repr√§sentanten chinesischer Skigebiete auf der Pro Winter Geschenke.

MM-FRAGE: "Gibt es M√∂glichkeiten f√ľr den touristischen Know-how-Transfer?"


Stricker: "Noch ist der Tourismus nicht ausgelegt wie bei uns. Als reiner Wochenend-Tourismus gibt es keine Gastronomie in den Skiorten und keine Hotelbetten. Bei uns in Europa w√§re solches Business nicht vorstellbar, weil es sich bei den enormen Investitionen nicht rechnen w√ľrde. China braucht jetzt auch den Wochentourismus, um den Qualit√§tssprung in Material und Beratung zu schaffen. Das entsprechende Know-how fehlt fast ganz, niemand wei√ü, dass man einen Ski oder ein Snowboard pr√§parieren muss - und es gibt meines Wissens zur Zeit in China nur eine einzige Maschine, um Ski zu schleifen."


MM-FRAGE: "Blicken wir in die Zukunft: kann das Engagement der europ√§ischen Berg- und Winterindustrie dazu f√ľhren, dass langfristig auch europ√§ische Destinationen vom chinesischen Skiboom profitieren?"


Stricker: "Tien Younian, der Generalsekret√§r des chinesischen Skiverbandes, sprach von einem Prozent der Chinesen auf Skiern innerhalb der n√§chsten f√ľnf bis zehn Jahre. Auch wenn er sich um die H√§lfte t√§uscht, dann sind das immerhin 7,5 Millionen - das hat momentan kein Land auf der Welt. Diesem Potenzial sollten wir mit Respekt und Aufmerksamkeit gegen√ľberstehen. Das gilt f√ľr unser Engagement in China, indem wir nicht einfach nur versuchen, kurzfristige Deals zu machen, um da unseren Schrott los zu werden, sondern wirklich langfristige Partnerschaften eingehen und planen. Und das sehe ich auch f√ľr unseren heimischen Tourismus, da die Chinesen und wom√∂glich kurz danach Indien die Schl√ľsselposition im organischen Wachstum des Weltwintersports einnehmen werden."


MM-FRAGE: "Werden chinesische Ferntouristen zu einem ernst zu nehmenden Faktor f√ľr unseren heimischen Fremdenverkehr?"


Stricker: "Davon gehe ich aus. Wir haben heute schon viele chinesische Tour-Operator, die nach Europa drängen. Wir haben in Italien einen China-Boom im Kultur-Tourismus - und die Gäste werden, wenn sie erst einmal skifahren können oder wenn ein kleiner Prozentsatz von ihnen skifährt, auch in unsere Gebiete kommen. Es gibt jetzt schon Tour-Operator, die Skiprodukte gesucht haben an der Mailänder Tourismus-Börse BIT, und wir haben bereits Pakete angeboten. Dabei ist dieser Tourismus kein Wochentourismus wie wir ihn kennen. Die Chinesen wollen zwei, drei Tage skifahren, zwei, drei Tage Shopping, sie besuchen Venedig und Rom - eigentlich ja typisch asiatische Verhaltensmuster. Jedenfalls werden die ,Weißen Wochen', wie wir sie besonders mit unseren deutschen Nachbarn kennen, in China kurzfristig kein Erfolg sein."


MM-FRAGE: "Das heißt - Skifahren in den Dolomiten wird nur ein Teil der Italien-Reise sein?"


Stricker: "Momentan sehen wir in der allgemeinen Tendenz einen starken G√§ster√ľckgang √ľber die Wochentage - dagegen boomt unser Wochenendtourismus. Immer mehr der europ√§ischen G√§ste buchen vornehmlich nur Samstag/Sonntag oder lange Wochenenden und wir haben dann leere Betten am Anfang der Woche, speziell in den kleineren Skigebieten. Vielleicht gelingt es uns ja, diese schwachen Tage mit Ferntouristen auszugleichen. St√§dtetourismus l√§uft am Wochenende oder an anderen Tagen - mit den angesprochenen Fernreise-Paketen k√∂nnten wir die Frequenz auf den Pisten und eine bessere Belegung der Betten gew√§hrleisten."


MM: "Vielen Dank f√ľr dieses Gespr√§ch!