Mountain Manager
Home Home    Redaktion Redaktion    Anzeigen Anzeigen    Abo Service Abo Service    Kontakt Kontakt    Impressum Impressum

Marketing & Management - MM-Interview

Architekturqualität – (k)ein Widerspruch zum Bauen in Skigebieten?

Ausgabe 5/2007

DI Sigbert Riccabona ist seit 1991 als Landesumweltanwalt von Tirol tätig, als diese Stelle eingerichtet wurde, um dem Naturschutz eine Rechtsstellung in Behördenverfahren zu sichern. Er hat bisher in ca. 8 000 Naturschutzverfahren maßgeblich zur Erhaltung der Natur Tirols beigetragen. Denn auch künftige Generationen besitzen den Anspruch auf einen lebenswerten Naturraum. Für den Mountain Manager hat Riccabona sich Gedanken über die Qualität der Architektur in Skigebieten gemacht, die seiner Meinung nach eine regionale Verpflichtung hätte.
Der Tiroler Landesumweltanwalt Di Sigbert Riccabona fördert Projekte, die das Bewußtsein über den Naturschutz im Rahmen der zukünftigen Landschaftsentwicklung stärken. Foto: Landesumweltamt
Der Tiroler Landesumweltanwalt Di Sigbert Riccabona fördert Projekte, die das Bewußtsein über den Naturschutz im Rahmen der zukünftigen Landschaftsentwicklung stärken. Foto: Landesumweltamt

MM-FRAGE: „Herr Riccabona, was verstehen Sie unter regionaler Verpflichtung der Architektur, was ist zu tun?“

Riccabona
„Wir müssen uns einerseits auf Vergangenes, auf Traditionelles, natürlich Gewachsenes besinnen und andererseits die Mittel und Möglichkeiten der Gegenwart und Zukunft zum Wohle des Menschen und der Erde nutzen. Architekten, die heute in den Bergen planen, müssen auch etwas von Geo- und Thermodynamik, von Maschinenbau, von Bauphysik, von Energiebilanzen, von Natur-, Wasser- und Umweltschutz verstehen. Liftanlagen in den Bergen dürfen nicht weiterhin die Wiederholung oder die Adaption gewohnter internationaler Logistik und/oder produktionstechnischer Produkt- und Erscheinungsbilder sein! Projekte in den Bergen sollen die ganzheitliche Beantwortung der jeweils gestellten Anforderung an die Nutzung, die Ästhetik, die Umweltverträglichkeit und die Nachhaltigkeit sein. Nicht das Entweder- Oder, also Massentourismus oder Naturschutz und Nachhaltigkeit darf weiterhin der Entwicklungsmaßstab in den Bergen sein, viel mehr sollten Massentourismus und Naturschutz und Nachhaltigkeit die Entwicklung prägen. Mit Intelligenz und Phantasie, mit Kommunikation und Toleranz, mit Mut und Wahrhaftigkeit wird es gelingen, die Besonderheit der Bergregion wieder zu dem zu machen, was sie einmal war: Authentisch, unverwechselbar, regionalspezifisch und gastfreundlich.“

MM-FRAGE: „Wie erleben Sie den Umgang mit dem Thema Architektur in den Vorhaben des Wintertourismus?“

Riccabona
„In den ca. 1 000 Behördenverfahren zu Vorhaben des Wintertourismus der vergangenen 20 Jahre, in denen ich eingebunden war, wurde jede Debatte über Formensprache, Ästhetik, Architektur als ein weiches, ,weinerliches’, unbequemes Thema angesehen und von der Ideologie der Beschleunigung und Marktherrschaft etc. erdrückt. Jeder Versuch doch eine architektonische Verbesserung in die Bauvorhaben zu bringen wurde mit dem Argument des Zeitverlustes und des erhöhten Aufwands abgelehnt. Vielfach sind heute aus Liftanlagen monströse Bahnhöfe mit riesigen Parkplätzen geworden. Wo das Gelände nicht passt, wird es passend gemacht. Diese Wucht der Beschleunigung führt zu Phänomenen der Übererschließung und stößt an Grenzen der ökologischen, sozialen und kulturellen Verträglichkeit in ganzen Regionen. Ökologische und soziokulturelle Bedenken (psychosoziale Belastungserscheinungen) einerseits und eine Überfunktionalisierung des Wintersports haben das technische Bergerlebnis in die Enge getrieben.“

Beispiel einer Architektur, der es gelungen ist, auf das neue Verständnis von Naturerlebnis einzugehen: das neue Panorama- Gipfel-Haus auf dem Wurmkogl in Hochgurgl. Foto: Q3 A + D
Beispiel einer Architektur, der es gelungen ist, auf das neue Verständnis von Naturerlebnis einzugehen: das neue Panorama- Gipfel-Haus auf dem Wurmkogl in Hochgurgl. Foto: Q3 A + D

MM-FRAGE: „Woher kam diese Beschleunigungsideologie?“

Riccabona
„Um 1900 begann der Aufstieg des österreichischen Seilbahnwesens. Insbesondere nach den beiden Weltkriegen wurden die Seilbahnen wie in keinem anderen Land als Metapher vom technischen Fortschritt (Moderne) mit der Metapher nationaler Aufstieg verknüpft. Der Seilbahnbau galt in Österreich der Nachkriegszeit als Staatssache, wurde zu einer spezifisch österreichischen Berg- und Fortschrittssymbolik und wesentlicher Teil einer modernen nationalen Kultur. Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war diese heroische Komponente bei Seilbahnbauten zu spüren und fand ihren kraftvollen natur-, berg-, und heimatverbundenen Ausdruck in der Architektur der Tal-, Mittel- und Bergstationen, sowie anderer touristischer Bauten (Hotel, Ausflugsstraßen, etc.).
Am Anfang stand das Schweben nach oben (Erlebnis in der Auffahrt) im Vordergrund, wie einige Zitate belegen: ,Man lernt erst jetzt sehen’ (Nordkettenbahn 1925)/, Schweben und schauen und selig sein’ (Georg Vogath 1957)/,Österreich geht hierin wieder führend voran … und unsere Heimat wird damit auf dem Gebiete des Bergbahnbaues wieder Ton angebend …’ (die Seilschwebebahn auf die Rax 1925).
Allmählich wurde jedoch das wiederholbare Erlebnis der Abfahrt über das Erlebnis der Auffahrt gestellt. Ein neuer Abschnitt der Entwicklung des Seilbahnbaues begann. Führte die von der Seilbahn beschleunigte Bergfahrt anfänglich zu neuen Sehmustern und Wahrnehmungsphänomenen (,Es sind nicht 10 Panoramen, die sich uns erschließen, es sind 1 000, Landschaft ist auf einmal kein stilles Bild mehr. Sie ist Geschehen geworden, Bewegung, Aktion, Kampf. Landschaft als Handlung’; Vogath 1957) wurde später die Beschleunigung in den Dienst des Massentransports gestellt. Damit wurde der Seilbahnmythos obsolet. Seilbahnunternehmen wurden zu Transportunternehmen und – wie andere Transportunternehmen auch – von technischer Funktionalität, Finanzierbarkeit (den Impuls gaben ERP-Mittel), Sicherheit, dem alleinigen Ziel der Beschleunigung gemäß dem Motto: ,Masse mal Beschleunigung bringt Geld’, beherrscht.
Die Beschleunigungsideologie wurde ausgedehnt auf die Planung, den Bau und die Adaptierung der Landschaft, sowie die Manipulierung des Schnees.“

MM-FRAGE: „Gibt es jetzt nicht auch Anzeichen eines neuen Verständnisses von Naturerlebnis und wie sieht die passende Architektur dazu aus?“

Riccabona
„Ja, zwar noch vereinzelt, aber doch deutlich sichtbar werden solche Anzeichen einer neuen behutsameren und respektvolleren Beziehung von Mensch und Natur. Nicht mehr die Eroberung der Wildnis, das Tempo, die Masse stehen im Vordergrund, sondern auch das Innehalten in der Beschleunigung. Das Sich-Besinnen, das Schauen und Sehen, das Auskosten des Blicks und die Begegnung mit der Natur werden, wenn auch nur zwischendurch, von Menschen in Skigebieten geschätzt.
Der Blick über das Joch in eine andere stille Gipfelwelt, das Panorama des Gipfels etc. erzeugen Stimmungen und Emotionen, die immer mehr zu einem Zustand des Sich-Wohl-Fühlens gehören. Beispiele einer Architektur, der esist, diese Stimmungen in einer einfachen, reduzierten Formensprache zu fördern und sozusagen zu zelebrieren sind mittlerweile zu einer sehr beliebten Attraktion geworden: die Plattformen und das Panorama-Gipfel-Haus im Ötztal.
Harte und technisch überfunktionalisierte Gebäude, Pisten, Beschallungen, Teiche, Leitungen, Parkplätze, jahrmarktsähnliche Angebote in der Hochgebirgsregion im Zusammenhang von Werbeveranstaltungen, Bergrestaurants, etc. vermögen nicht diese Wohlfühlkomponenten nachhaltig zu ersetzen.“

MM: „Herr Riccabona, wir danken für das Gespräch.“

Das Sich-Besinnen, das Auskosten des Blicks und die Begegnung mit der Natur werden von Menschenin Skigebieten wieder mehr geschätzt. Plattformen im Ötztal gehen darauf ein. Foto: Q3 A + D
Das Sich-Besinnen, das Auskosten des Blicks und die Begegnung mit der Natur werden von Menschenin Skigebieten wieder mehr geschätzt. Plattformen im Ötztal gehen darauf ein. Foto: Q3 A + D