Mountain Manager
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Marketing & Management - MM-Interview

Bewegung ist Leben – vor allem auf dem Berg

Ausgabe 4/2008

Thomas Humer, GF der Abtenauer Firma Outdoor Consulting Team (OCT), ist nach 20 Jahren Erfahrung ein Experte auf seinem Gebiet. Kürzlich hat er wieder mit der Errichtung des „Planai Abenteuerparks“ in Schladming aufgezeigt (siehe Artikel S. 12-13), der als Ganzjahresattraktion unweit der Bergstation angelegt ist. Humer, der jahrelang den Outdoorbereich im Aktivhotel-Resort von Ex-Skirennläufer David Zwilling in Abtenau geleitet hat, ist der Meinung, dassBergbahnen im Sommer – bzw. auch Herbst oder Frühling – nur dann Frequenzen schaffen, wenn es oben am Berg ein attraktives Angebot für Aktivitäten gibt. Um den künftigen Bedarf an Outdoor-Guides abdecken zu können, hat Humer mit dem WIFI eine neue Berufsausbildung ins Leben gerufen.
Interviewpartner Thomas Humer, Geschäftsführer von OCT. Fotos: OCT
Interviewpartner Thomas Humer, Geschäftsführer von OCT. Fotos: OCT
MM-FRAGE: „Herr Humer, wie ist es zur Entwicklung des Abenteuerparks gekommen?“

Humer: „Bereits vor 15 Jahren entstand beim Resort David Zwilling u. a. der erste Hochseilpark, allerdings damals noch in Tallage. Die Philosophie war allerdings auf Gruppen konzentriert,mit denen wir auch Rafting und andere Outdoor- Aktivitäten durchführten. Bis das Konzept für die breite Masse tauglich wurde, hat es allerdings Jahre gedauert, daher ist der sogenannte ,Abenteuerpark’ erst in den letzten 3 Jahren entstanden. Grundsätzlich gibt es im Hochseilgartenbereich zum einen Seminarübungen für 10 bis 20 Leute mit den Themen ,gemeinsames Sichern und Erlebnis im Team’ und zum anderen eben das Abenteuerparkkonzept vergleichbar mit dem Klettersteig-System, wo die Leute nur eingewiesen werden, ehe sie sich in den Parcours begeben. Etwa so, wie wenn man Skifahren gelernt hat und dann auf die rote, blaue oder schwarze Piste geht. Mit der Einschulung ist dann ein sicheres Durchlaufen des Parkes gewährleistet. Als Besonderheit wurde auf der Planai auch ein Kinderpark mit Spielplatzhöhe angelegt, in dem die Kinder alleine aktiv sein können. Der Planai Abenteuerpark ist der erste Prototyp auf dem Berg, der nächste wird auf dem Linzer Pöstlingberg unter dem Motto ,Erlebnis am Berg in einer Stadt’ folgen.“

MM-FRAGE: „Wie realisiert ihr den Bau eines solchen Parks?“

Humer: „Ich habe in Stefan Gatt einen Partner, der mich seit 20 Jahren begleitet (bekannt u. a. durch die Himalaya- Expedition mit der Erstbefahrung des Mt. Everest mit einem Snowboard). Stefan ist der Bauingenieur der Parks, die OCT betreibt sie. Mittlerweile dürfen wir behaupten, dass wir nicht nur gut bauen, sondern dass 20 Jahre an Erfahrung drinnenstecken. Bei derPlanung ist zu berücksichtigen, dass jeder für sich seinen Abenteuerpark nach seiner Struktur konzipiert und nicht einfach kopiert. Er muss genau für die Region, die Kunden und die Zielsetzung passen und etwas Spezielles sein – sonst lebt es nicht.“
Mit Funsportgeräten schafft man auch bei nicht so guten Verhältnissen schnell einen Erlebniswert.
Mit Funsportgeräten schafft man auch bei nicht so guten Verhältnissen schnell einen Erlebniswert.
MM-FRAGE: „Was braucht in Zukunft eine Bergbahn, um im Sommer Frequenz zu schaffen?“

Humer: „Sie braucht vor allem Leben am Berg. Das Ziel für die Leute muss sein, sich oben am Berg aktiv zu bewegen! Und das am besten über alle vier Jahreszeiten hinweg. Durch diese Taktik erhält einerseits der österreichische Tourismus einen hohen Stellenwert und andererseits reduziert sich auf diese Weise die Abhängigkeit vom Schnee. Theoretisch könnte man sagen: wenn wir im Oktober oder November keinen Schnee haben, dann gibt es trotzdem ein Erlebnisprogramm am Berg. Ob es heiß ist oder regnet oder schneit – wir haben einfach immer Programme. Das Abenteuer findet immer statt.“

MM-FRAGE: „Wer soll solche Programme umsetzen?“

Humer:
„Hierfür braucht man natürlich gut ausgebildete Mitarbeiter. Deswegen haben wir in Zusammenarbeit mit dem WIFI Österreich ein neues Berufsbild geschaffen. Das heißt, wir bilden ab November Leute zum diplomierten Freizeit- und Outdoor-Guide aus mit den 3 Säulen
- Outdoor-Programme kennen und beherrschen – anschließend die Möglichkeit sich zu spezialisieren z. B. auf Bergführer oder auf den Bereich Wasser;
- Erlebnis-Pädagogik und Low-Events (alles was mit Natur, Wald und Erlebnis zu tun hat);
- Spiel, Sport & Fun (u. a. ständig neue Fungeräte ausprobieren in Gruppen und dann eventuell für die Masse Integrieren).“
Schlechtwetter gibt es eigentlich nicht in Ă–sterreich, nur unpassende Kleidung. Bei Canyoning und Rafting spielt das keine Rolle.
Schlechtwetter gibt es eigentlich nicht in Ă–sterreich, nur unpassende Kleidung. Bei Canyoning und Rafting spielt das keine Rolle.
MM-FRAGE: „Es gibt vermutlich künftig einen großen Bedarf an solchen Outdoor-Guides?“

Humer: „Es ist nicht nur ein Bedarf an diesen Leuten vorhanden, sondern es wird auch eine neue Chance für den Tourismus entstehen – sei es in der Hotellerie, bei den Bergbahnen oder den Agenturen. Weil in Zukunft wird es zu wenig sein, nur Infrastruktur zu bauen. Es muss ein Leben passieren, die Aktivität muss begleitet sein, es muss ein Spirit vorhanden sein. Auch der Wintertourismus würde ohne die Skischulen am Berg nicht funktionieren. Das ist der Geist, der das Ganze lebendig macht. Es ist also kein Selbstläufer. Die Gäste brauchen diese Betreuung sogar von Jahr zu Jahr immer mehr. Und nicht nur, dass sie es brauchen. Es ist auch förderlich, um neue Kontakte zu knüpfen, gemeinsam Spaß zu haben. Dieses Bedürfnis nimmt zu, da es immer mehr Single-Haushalte gibt, Leute die Kurztrips machen wollen, die einige Tage aussteigen wollen. Oder jeder in der Familie macht etwas anderes und manches machen sie auch zusammen. Diese Zielgruppen muss man ansprechen bis hin zu den aktiven Senioren.“

MM-FRAGE: „Was kann sich eine Bergbahn von einem Anbieter wie OCT erwarten?“

Humer: „Für die Bergbahnen ist interessant, dass wir von der OCT spezialisiert sind auf den Bereich Betreuen, Entwickeln und Begeistern von Menschen. Wir können als Partner zu Bergbahnen fungieren, und einen Abenteuerpark mit deren Unterstützung hinbauen und betreiben – also ganz wesentlich, die Bergbahn braucht sich nicht um die Betreuung kümmern. Das ist ja nicht deren Kerngeschäft. Der einzige darüber hinaus noch wichtige Faktor für ein erfolgreiches Funktionieren eines Abenteuerparks ist, dass die Region eine Sommercard hat, wie es in Schladming der Fall ist. Der Vorteil ergibt sich insofern, weil der Kunde/Gast die Bergbahn nicht extra bezahlen muss und deshalb grundsätzlich auf den Berg fährt. Wenn er dann auf dem Berg ist, will er etwas unternehmen – z. B. eine Runde im Abenteuerpark. Daher bin ich der Meinung, dass in Zukunft der Sommertourismus für Bergbahnen nur dann funktionieren wird, wenn die Hotellerie unmittelbar mit eingebunden ist. Denn das Entscheidende ist, dass der Gast die Beförderungskosten im Sommer im Unterschied zum Winter anders sieht. Seilbahnfahren sowie diverse Ausflugsmöglichkeiten gehören zum Gesamtpackage mit Unterkunft und Verpflegung einfach dazu, so empfindet man häufig. Dieser Ansatz bewährt sich bereits in den Regionen. Würde man am Berg etwas machen ohne Einbettung in eine solche Gästecard, könnte man es durchaus aus kritisch sehen. So wie im Winter der Skibus für den Gast ,gratis’ ist, so ist im Sommer die Liftkarte im Package beim Vermieter integriert. Alle anderen Dienstleistungen bezahlt der Kunde dann ohnehin gerne, weil er dann unmittelbar ein Erlebnis hat. Die Bergbahn muss sozusagen den Tourismus-Euro schon aus den Betten heraus lukrieren. Dann funktioniert es und dann entfällt auch der Druck.“
Das Konzept der Abenteuerparks ist nun so weit gediehen, dass es fĂĽr die breite Masse taugt.
Das Konzept der Abenteuerparks ist nun so weit gediehen, dass es fĂĽr die breite Masse taugt.
MM-FRAGE: „Welche Rolle spielen bei eurem Konzept Funsportgeräte?“

Humer: „Wir waren eine der Ersten, die in unseren Outdoor-Zentren mit Fungeräten viel gemacht haben – Airboarden, Snowbiken, Scooter, Bikeboard, Sommerbockerl etc. etwa am Karkogel in Abtenau. Man darf aber nicht nur im Verleihgeschäft gut sein, sondern muss auch in der Betreuung von Gästen kompetent sein. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Diesen Spagat schafft nicht jeder. Da muss man wirklich spezialisiert sein, deshalb auch die professionelle Ausbildung für solche Berufe.Und solche Outdoor-Guides dürfen auch die Freude und den Spirit über das ganze Jahr nicht verlieren. Die Marke OCT steht dafür, Leute zu begeistern durch und an der Bewegung. Daher brauchen wir auch mehrere OCT-Zentren (derzeit 11 in Österreich, Deutschland und Südtirol), um die Gäste kursieren lassen zu können. Von dieser Idee, dass die Leute zirkulieren, lebt ja auch ein Skiverbund wie Amadé. Wir sind jedenfalls diejenigen, welche nicht nur konzeptionell mitarbeiten, sondern auch in die Umsetzung gehen. Denn Konzepte gibt es viele, aber wenige, die sie umsetzen und es leben!“

MM-FRAGE: „In Österreichs Tourismus spielt das Thema Schlechtwetter eine zu große Rolle. Was sagen Sie dazu?“

Humer: „Was ist eigentlich Schlechtwetter? Schlechtwetter haben wir nicht, nur unpassende Kleidung. Man kann auch bei Regen viel unternehmen, etwa beim Rafting spielt das Wetter keine Rolle. Da fehlt es an der Einstellung, auch bei den Touristikern. Es geht nur darum, dass eine Bewegung stattfindet und die Leute dazu animiert werden. Sonst gehen sie bei ,Schlechtwetter’ nur in den Wellnessbereich, aber nicht Outdoor.
Noch dazukommt, dass im Gesundheits-, Wellness- und Bewegungsbereich noch zu wenig darauf geachtet wird, dass es viel gesünder ist, sich natürlich in einem Gelände zu bewegen, als mehrmals pro Woche ins Fitnessstudio zu gehen. Schladming hat einen guten Mix der Hotellerie geschaffen, der sowohl touristisch angelegt ist, aber auch gruppenmäßig angelegt ist wie z. B. Seminarhotels. Die sind im November ausgebucht, klassische Seminarzeit. Aber die Seminarteilnehmer wollen auch etwas erleben! Man muss sich also nur Gedanken machen, wer kommt zu welcher Jahreszeit in die Region? Im April und November z. B. die 50+ Zielgruppe, die haben Zeit. Wichtig ist heute, dass die Leute in ein, zwei Stunden alles beherrschen, um etwas erleben zu können. Kaum jemand will noch langwierig etwas lernen. Das ist der Unterschied zum Skischul-Konzept. Und dass man mit Fungeräten auch bei nicht so guten Verhältnissen den Erlebniswert schafft.“

MM: „Herr Humer, wir danken für das Gespräch.“