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Marketing & Management - MM-Interview

Prof. Ulrike Pr√∂bstl, Universit√§t f√ľr Bodenkultur: Nachhaltiger Wintertourismus ‚Äď Vision f√ľr √Ėsterreich?

Ausgabe 02/2010

Frau Prof. Pr√∂bstl von der Boku Wien ist sp√§testens seit dem Kleinklima-Pilotprojekt in Schladming mit dem Ergebnis ‚ÄěSeeh√∂he hei√üt nicht gleich Schneeh√∂he‚Äú der Bergbahnbranche keine Unbekannte. Seit 2005 ist Pr√∂bstl im Umweltbeirat des Deutschen Skiverbandes und Mitglied der UVP-Gesellschaft, nachdem sie sich mit etlichen Publikationen √ľber ‚Äě√Ėko-Auditing in Ski - gebieten‚Äú sowie ‚ÄěSkisport und Vegetation‚Äú etc. Meriten erworben hatte. MM-Chefredakteur Dr. Markus Kalchgruber bat die Expertin nun zum Interview √ľber Sinn und Chancen von √Ėko-Strategien f√ľr Wintersportdestinationen.
Interviewpartnerin Prof. Dr. DI Ulrike Pr√∂bstl, Universit√§t f√ľr Bodenkultur Wien. Foto: Pr√∂bstl
Interviewpartnerin Prof. Dr. DI Ulrike Pr√∂bstl, Universit√§t f√ľr Bodenkultur Wien. Foto: Pr√∂bstl

MM-Frage: "Der Begriff ,nachhaltiger Wintertourismus' wird seit einigen Jahren häufig verwendet, allerdings nicht einheitlich. Was verstehen sie darunter und welche Elemente gehören unbedingt dazu?"

Prof. Pr√∂bstl: "Zum Thema nachhaltiger Tourismus gibt es sehr unterschiedliche Definitionen. ,Nachhaltigkeit' stammt urspr√ľnglich aus der Forstwirtschaft. Dort bedeutet nachhaltiges Wirtschaften, dass man seine Waldbest√§nde in einer Periode durch die Holzernte nicht st√§rker dezimiert als im gleichen Zeitraum nachwachsen kann. Nachhaltigkeit kann es also immer nur mit regenerierbaren Ressourcen geben.
Diese Situation haben wir in der Regel im Tourismus nicht. Vielfach wird im Englischen das Beispiel vom Kaninchen-Pferde-Eintopf gebraucht, denn die Anreise (das Pferd im Eintopf) verbraucht so viele Ressourcen, dass dieser Effekt durch den noch so umweltgerechten Aufenthalt (das Kaninchen) nicht ausgeglichen werden kann.
Nachhaltigkeit beim Tourismus setzt also zun√§chst bei der Anreise an. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die √∂sterreichischen Wintertouristen bereit sind sehr lange Strecken bis in schneesichere Urlaubsorte mit dem privaten PKW zur√ľckzulegen.
Beitr√§ge zu mehr Nachhaltigkeit im Wintersport w√§ren eine Anreise mit der Bahn samt den Abholdienst und der Verzicht auf Tagesausfl√ľge zu Gunsten eines (auch viel erholsameren) Urlaubs im Schnee."

MM-Frage: "Welche Chance hat √Ėsterreich, sich als erste nachhaltige Wintersportdestination zu entwickeln? Gibt es bereits Ans√§tze?"
Prof. Pr√∂bstl: "Das Angebot an Skiregionen und Urlaubsdestinationen ist in den letzten Jahren best√§ndig gewachsen. In Osteuropa im Pirin-Gebirge in Bulgarien, in den Karpaten und in Russland sind zahlreiche neue Skigebiete entstanden. Auch die nordamerikanischen Skigebiete werben vermehrt um den europ√§ischen Skifahrer und locken mit ,Powder', ,Heliskiing' und unber√ľhrtem ,Hinterland'.
Es kommt daher in Zukunft mehr als bisher darauf an, sich von anderen Regionen zu unterscheiden und ein besonderes Profil zu entwickeln. Nachdem die sportlichen M√∂glichkeiten und die Schneesicherheit in den genannten Destinationen vergleichbar sind, kommt es darauf an, andere Aspekte in die Au√üendarstellung mit einzubeziehen. Die Chance f√ľr die Skisportdestination √Ėsterreich sehe ich darin, dass es die erste gro√üe Wintersportdestination sein k√∂nnte, in der ich mit gutem Gewissen Ski fahren kann: Vom umweltvertr√§glichen Pistenmanagement bis zum Schnitzel aus biologischen Betrieben vor Ort und dem gem√ľtlichen, hackschnitzelgew√§rmten Hotelzimmer aus nachhaltig bewirtschafteten Bergw√§ldern...Eine Nische, die von Frankreich, Bulgarien, den USA und o. a. neuen Skiregionen in dieser Qualit√§t derzeit nicht besetzt werden kann.
Zukunftsorientierte Regionen und Wintersportorte setzen bereits heute hier an:
. vertr√§gliches Pistenmanagement erzeugt artenreiche Bergwiesen, deren Artenvielfalt diejenigen einer intensiven Landwirtschaft bei weitem √ľbertrifft;
. Vertr√§ge mit den Landwirten vor Ort erhalten traditionelle Nutzungen und Almbewirtschaftungen, die ohne den Tourismus nicht √ľberlebensf√§hig w√§ren;
. Wasser f√ľr den technischen Schnee wird √ľber den Sommer gesammelt, um Sch√§den an den Gew√§ssern im Winter zu vermeiden (Speicherseen);
. Bergbahnen, Parkhäuser und Liftstationen erhalten Photovoltaikanlagen oder Windaggregate, damit wenigstens ein Teil des Stroms selbst erzeugt wird;
. Verträge mit Bahnen und Gemeindebussen reduzieren die Anreisebelastungen und kommen umweltfreundlich anreisenden Gästen zugute;
. ein Umweltmanagementsystem schult die Mitarbeiter und erh√∂ht die Motivation sich f√ľr die Umwelt im eigenen Bereich zu engagieren."

Lech am Arlberg wurde f√ľr sein vorbildliches Umwelt-Konzept bereits mehrfach ausgezeichnet. Schon seit 2002 liefert eine 150 m2 gro√üe Photovoltaikanlage bei der Kriegerhornbahn Solarstrom. Foto: Skilifte Lech
Lech am Arlberg wurde f√ľr sein vorbildliches Umwelt-Konzept bereits mehrfach ausgezeichnet. Schon seit 2002 liefert eine 150 m2 gro√üe Photovoltaikanlage bei der Kriegerhornbahn Solarstrom. Foto: Skilifte Lech

MM-Frage: "Welche Vorteile h√§tte so eine Positionierung bez√ľglich des Images bei den G√§sten? Geht es hier nur um Sympathiepunkte oder muss man, um k√ľnftig als Urlaubsziel √ľberhaupt salonf√§hig bleiben zu k√∂nnen, den G√§sten m√∂glichst das schlechte ,√Ėko-Gewissen' nehmen?"

Prof. Pr√∂bstl: "Das oben genannte Image spricht nicht alle Skifahrer an. Der jugendliche Skifahrer, der neben seinem Sport vor allem den Spa√ü in der Gruppe sucht, wird davon eher weniger angesprochen werden, als der qualit√§tsorientierte, etwas √§ltere Tourist, der Sport, Erholung und Naturerlebnis im Winter miteinander verbinden m√∂chte. Im Hinblick auf die regionale Wertsch√∂pfung sind letztere Kunden f√ľr √Ėsterreich die Wertvolleren. Marktforschungsergebnisse der Universit√§t f√ľr Bodenkultur und der Fa. MANOVA zeigten, dass diese Zielgruppe auch bei tempor√§r ung√ľnstigeren Bedingungen (Tage an denen man nicht Skifahren kann) l√§nger in der Region bleibt.
Sympathiepunkte schaden sicher nicht, als viel wichtiger stufe ich dagegen die ganzheitliche Profilbildung und die Ansprache touristisch wichtiger Zielgruppen ein. Ich w√ľnsche mir mehr Mut diese Ans√§tze heraus zu stellen und provokant zu vermarkten, anstatt immer ,Frau Holle' oder den ,Sound of Snow' (die Assoziation zu ger√§uschvollen Schneekanonen liegt dabei nahe?) zu bem√ľhen. Noch immer werden diese Ans√§tze eher zur√ľckhaltend vermittelt. Welcher Skifahrer wei√ü von dem modernen sparenden Schneemanagement in Schladming mit GPS-Schneemessung, um ein zu viel an Kunstschnee zu vermeiden, wer wei√ü dass die Kriegerhornbahn in Lech am Arlberg bereits seit 2002 durch semitransparente Module an der S√ľd- und Westfassade j√§hrlich rund 15 000 kWh Strom erzeugt, der ins √∂ffentliche Stromnetz eingespeist wird, dass das Skigebiet Kronplatz in S√ľdtirol eine eigene Zuganbindung plant...
Vielleicht sollte man von der Bio-Joghurt-Werbung lernen¬Ö, in dem wirklich nichts drin ist¬Ö"

MM-Frage: "Es existiert oft die Anschauung, dass nachhaltiger Wintertourismus nicht mit ,action & fun' zusammenpasst und somit eher etwas f√ľr die √Ąlteren ist. Genau das w√§re aber f√ľr die Branche mit einem weiteren Verlust der Jugend verbunden. Wie ist dieser Spagat ,Mehr Nachhaltigkeit und trotzdem Spa√ü' zu meistern?"

Prof. Pr√∂bstl: "Das Thema nachhaltige Entwicklung wird noch immer gerne mit erhobenem Zeigefinger vermittelt und es entsteht der Eindruck, dass Nachhaltigkeit keinen Spa√ü machen darf¬Öund umweltgerechtes Verhalten immer mit Verzicht und Sparsamkeit gekoppelt ist. Nachhaltigkeit muss Spa√ü machen, meine ich, sonst wird dieses Zukunftskonzept von jungen Touristen nicht √ľbernommen und nicht angenommen. Ein Zusammenschluss von 20 Tourismusorten in den Alpen, die ,Alpine Pearls', zeigen anschaulich, dass das auch gelingen kann. Positive Entwicklung der N√§chtigungszahlen und eine breite Anerkennung des Konzepts unterstreichen den Effekt des ,Spa√üfaktors'. Spa√ü-Mobilit√§t und innovative Angebote begeistern die G√§ste, junge und √§ltere. Von den kleinen alpinen Perlen und ihren Aktionen k√∂nnten viele gr√∂√üere Orte lernen."

MM-Frage: "Hat also das alpenweite Netzwerk Alpine Pearls mit seinem Fokus auf sanfte Mobilit√§t und Umweltfreundlichkeit f√ľr Sie Modellcharakter? Wie gro√ü soll diese Gruppe werden, um am Skifahrermarkt dementsprechend wahrgenommen zu werden?"

Prof. Pr√∂bstl: "Der touristische Markt ist nicht homogen und sucht immer nach neuen innovativen Angeboten. Die Trendforschung zeigt, dass der Trend zum Individualismus (ich suche ein einmaliges besonderes authentisches Urlaubserlebnis)die Entwicklung neuer touristischer Nischen beg√ľnstigt. Die Alpinen Perlen sind eine charmante Nische insbesondere im Bereich der sanften Mobilit√§t. Der Wander- und Pilgertourismus oder neue Konzepte im Bereich des Energieerlebnistourismus sind weitere Beispiele f√ľr sich etablierende Nischen.
Neben der Bedeutung der Alpine Pearls als spezielle Nische, sind Teile der dort entwickelten und √ľberpr√ľften Bausteine (vernetzte √∂ffentliche Linien, Ticketl√∂sungen, kostenlose Angebote an Verkehrsmittel) nicht an dieses besondere Konzept gebunden, sondern k√∂nnten auf viele Destinationen erfolgreich √ľbertragen werden. Die Alpine Pearls als innovative Orte einer speziellen Qualit√§t k√∂nnen jedoch aus meiner Sicht nicht unbegrenzt wachsen, um ihr spezielles Profil nicht zu verlieren."

√Ėsterreich k√∂nnte die erste gro√üe Skisportdestination sein, in der man mit gutem Gewissen Ski fahren kann: Vom umweltvertr√§glichen Pistenmanagement bis zum Schnitzel aus biologischen Betrieben und hackschnitzelgew√§rmten Hotelzimmer. Foto: BB Fiss
√Ėsterreich k√∂nnte die erste gro√üe Skisportdestination sein, in der man mit gutem Gewissen Ski fahren kann: Vom umweltvertr√§glichen Pistenmanagement bis zum Schnitzel aus biologischen Betrieben und hackschnitzelgew√§rmten Hotelzimmer. Foto: BB Fiss

MM-Frage: "Zukunftsorientierte Regionen bzw. auch Bergbahnen haben wie erw√§hnt bereits Ma√ünahmen getroffen, die nicht hinreichend kommuniziert werden. Soll man Auszeichnungen vergeben √° la ,Pisteng√ľtesiegel', um mehr Aufmerksamkeit zu schaffen?"

Prof. Pr√∂bstl: "Wie bereits angesprochen finde ich, dass zukunftsorientiertes Management offensiver, provokanter und spannender vermittelt werden sollte. Nur so kann man das m√∂gliche besondere Profil √Ėsterreichs als Skidestination weltweit vermitteln. Hier w√§re auch eine sektoren√ľbergreifende Kooperation etwa mit der Vermarktung von Bioprodukten, der Erhaltung von lokalen Rassen, Tourismus und Seilbahnwirtschaft st√§rker anzudenken. Auszeichnungen k√∂nnen einen Beitrag leisten, dieser h√§ngt jedoch davon ab, wer diese Auszeichnung vergibt und welche Zielsetzung dahinter steht."

MM-Frage: "Sie sind auch eine Bef√ľrworterin von Umweltaudits f√ľr Skigebiete. Was kann man sich darunter vorstellen, wie viele Teilnehmer gibt es bereits und welchen Nutzen bringt es?"

Prof. Pr√∂bstl: "Beim Umweltaudit f√ľr Skigebiete untersuchen die Unternehmen unter Einbeziehung ihrer Mitarbeiter umweltbezogene Risiken und M√∂glichkeiten der Verbesserung. In Europa hat sich EMAS als wichtige Unterst√ľtzung f√ľr eine nachhaltige Entwicklung etabliert.
Dar√ľber hinaus ist die Verbesserung der Rechtssicherheit, der Mitarbeitermotivation und Ressourceneinsparung ein wichtiges Argument f√ľr die Teilnahme an diesem Prozess.
Nach dem Erfolg und der breiten Akzeptanz in der Wirtschaft erfolgt nun schrittweise die Verbreitung auch im Tourismus.
Die Diskussion um umweltbezogene Verbesserungen in Skigebieten und die Suche nach vermarktbaren Leistungen und Erfolgen f√ľhrten zu einem Einsatz dieses Instruments auch im Bereich des Wintersportes. Aus der Sicht von Unternehmen besticht weiterhin die Tatsache, dass es sich nicht um beh√∂rdlich ,verordnete' sondern um freiwillige, marktwirtschaftlich ausgerichtete Ma√ünahmen zur Umweltvorsorge handelt.
Umfang, Schwerpunkte und Ausrichtung liegen weitgehend im Verantwortungsbereich des Unternehmens. Es gibt in √Ėsterreich nur wenige zertifizierte Unternehmen, jedoch liegen bereits viele Anfragen vor. Eine der Bergbahnen, die sich seit vielen Jahren regelm√§√üig einer umweltbezogenen Pr√ľfung unterziehen und deren Umweltbilanz jedermann in der sogenannten Umwelterkl√§rung nachlesen kann, sind die Skilifte Lech am Arlberg. Dieses vorbildliche Konzept wurde auch 2009 durch die Alpenkonferenz und proNaturaproSki ausgezeichnet."

MM-Frage: "Es gibt ja wenige Dinge, wo man Kosten sparen und zugleich der Umwelt Gutes tun kann. Glauben Sie, dass die Schneehöhenmessung State of the Art in der Bergbahnbranche werden sollte, um ein Signal zu setzen?"

Prof. Pr√∂bstl: "Bislang zeigen sich in Schladming und Kitzb√ľhel positive Entwicklungen im Hinblick auf den Wasser und Strombedarf. Eine im Mai beginnende wissenschaftliche Studie in Kitzb√ľhel soll von 2010 bis 2012 auch die positiven Effekte bezogen auf die Bewirtschaftungsintensit√§t, f√ľr Boden und Vegetation usw. n√§her betrachten und durch systematisch angelegte Feldversuche die erwarteten positiven Effekte nachweisen. F√ľr eine abschlie√üende Bilanz ist es noch zu fr√ľh."

MM: "Frau Professor wir danken f√ľr das Gespr√§ch."