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Marketing & Management - MM-Interview

Paul G├╝nther, Aufsichtsratsvorsitzender BB Pillersee: Unsere Tourenski World ist eine Win-Win-Situation f├╝r alle

Ausgabe 07/2012

Die Bergbahn Pillersee betreibt ein kleines aber sehr feines Familien-Skigebiet in den Kitzb├╝heler Alpen, dessen 22 km Pisten sich ├╝ber die Orte St. Ulrich, St. Jakob und Hochfilzen erstrecken. Bei der Talstation der 4SB Buchensteinwand befindet sich sogar Tirols zweitgr├Â├čter BOBO-Kinderpark! Die Zukunft sieht man hier aber nicht nur beim Nachwuchs, sondern u. a. auch im zunehmenden Trend des Tourenskigehens. Wir sprachen mit Paul G├╝nther ├╝ber die Erfahrungen mit seiner neuen ÔÇ×Tourenski World Pillerseetal.ÔÇť
Paul G├╝nther, Aufsichtsratsvorsitzender BB Pillersee Foto: Runnersfun
Paul G├╝nther, Aufsichtsratsvorsitzender BB Pillersee Foto: Runnersfun
MM: "Herr G├╝nther, schildern Sie bitte zun├Ąchst Ihren Werdegang in die Seilbahnbranche und alle sonstigen Funktionen."
G├╝nther: "Ich betreibe seit 40 Jahren das Intersport Fachgesch├Ąft G├╝nther in St. Ulrich, das bis heute st├Ąndig weiter entwickelt wurde. Von 1980 bis 1995 war ich auch Skischulleiter in unserer Region und wechselte 1996 zur Bergbahn Pillersee, wo ich schlie├člich im Jahr 2000 als Hauptverantwortlicher die Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden ├╝bernommen habe (als GF agiert Manfred Bader). Au├čerdem war ich viele Jahre Gemeinderat und 6 Jahre Vizeb├╝rgermeister. Die Bergbahn mit ihren 8 Aufstiegsanlagen (2 Vierersessel und 6 Lifte) ist im Besitz von 44 Gesellschaftern, wobei ich mit 82 % der Mehrheitseigent├╝mer bin."
MM: "Wie ist euer Skigebiet positioniert, welche Zielgruppen bedient ihr?
G├╝nther: "Wir sind ein Familienskigebiet mit einer Skischaukel zwischen den Orten St. Ulrich, St. Jakob und Hochfilzen. Man kann also bei uns von der Schattenseite auf die Sonnenseite fahren und retour. Im Tal unmittelbar neben dem Parkplatz befindet sich auf 20 000 m2 Fl├Ąche der zweitgr├Â├čte BOBO-Kinderpark Tirols sowie das Gasthaus Buchwandblick. Diese Platzierung sowie der gesamte Hochleiten-Hang ist also ideal f├╝r Anf├Ąnger und da auch das Restaurant auf der Bergstation zur Bergbahn geh├Ârt, ist bis zum Sportshop alles in einer Hand! Wir bieten aber auch rasante Abfahrten und eine permanente Rennstrecke. Weiters spielen bei uns die Sportarten Langlaufen (110 km regionales Loipennetz) und Tourenskigehen eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund gehen auch vom Parkplatz die Loipen weg sowie seit vorigen Winter die Aufstiegsstrecken f├╝r die Tourenskigeher."
Ski Buchensteinwand: das klassische Familienskigebiit im Pillerseetal. Fotos: BB Pillersee (3)
Ski Buchensteinwand: das klassische Familienskigebiit im Pillerseetal. Fotos: BB Pillersee (3)
MM: "Ihr habt ja letzten Winter sogar eine komplette ,Tourenski-World' installiert! Warum habt ihr euch zu diesem Schritt entschieden?"
G├╝nther: "Ich bin einerseits selbst ein begeisterter Tourengeher und andererseits durch meine Sportgesch├Ąfte permanent mit der Thematik konfrontiert, dass viele Kunden Tourenausr├╝stung kaufen und dann nat├╝rlich auch z. B. auf die Buchensteinwand gehen wollen - Verbote w├Ąren hier kontraproduktiv. Aus dieser Problematik heraus machte ich mir Gedanken, wie ich dem Konflikt entgegenwirken k├Ânnte. Ich bin mehrmals selber aufgestiegen und habe mir dabei ├╝berlegt, wo man eine Aufstiegsspur anlegen k├Ânnte, die den Liftbetrieb nicht st├Ârt. W├Ąhrend dieses Prozesses wurde die Firma Runnersfun auf uns aufmerksam und hat die Problematik ├╝bernommen bzw. meine Vorschl├Ąge sehr professionell umgesetzt. Das war absolut notwendig, denn nur dadurch ist z. B. ein Folder entstanden und Sponsoren konnten gewonnen werden, was wiederum ein optimales Marketing erm├Âglichte. Wir sind also im Gegensatz zu anderen Gebieten den Weg der Probleml├Âsung gegangen. Au├čerdem betreiben wir wie o. e. das Berggasthaus auf 1 556 m und erzielen dabei eine Umwegrentabilit├Ąt mit den Tourenskigehern.
Die L├Âsung sieht konkret so aus, dass die Leute t├Ąglich bis 16 Uhr w├Ąhrend des Liftbetriebes aufsteigen und dann auf irgendeiner Abfahrt ins Tal fahren k├Ânnen - sei es auf der pr├Ąparierten Piste oder im Freigel├Ąnde. Zweimal pro Woche, Dienstag und Freitag, gibt es den Tourenabend, an dem die Berggastronomie bis 22 Uhr ge├Âffnet ist und die Tourenskigeher mit Stirnlampen die im Plan ausgewiesenen bzw. markierten Routen auch nach 16 Uhr begehen k├Ânnen. Als Abfahrt steht allerdings nur die Piste Nr. 3 zur Verf├╝gung. Dies wird extra offen gehalten und als letzte pr├Ąpariert. Diese Taktik hat letzten Winter bereits super funktioniert!"
MM: "Gibt es noch weitere Beweggr├╝nde als den Interessenkonflikt zu l├Âsen?"
G├╝nther: "Es geht uns sehr wesentlich darum, keine Gruppe auszuschlie├čen. Man hat ja diese Leute bereits im Gebiet oder im Sportgesch├Ąft, dann soll man mit ihnen auch etwas Konstruktives anfangen. Die erste Werbung ist bereits, dass diese Kunden schon im Sportgesch├Ąft erfahren: der steht hinter uns! In Folge konsumiert dieses Klientel auch gerne in unseren beiden Gastst├Ątten - das ist allgemein ein ,Muss' bei jeder Skitour. Zus├Ątzlich ist angedacht, eventuell eine Tourenkarte zum Preis von ca. 9,90 Euro/Tag aufzulegen. Diese beinhaltet die Ben├╝tzung der Infrastruktur (Parkplatz, Toiletten etc.) sowie zwei Wiederholungsfahrten am Berg mit dem Gipfellift (4er Sessel) und ein Getr├Ąnk im Berggasthof Buchensteinwand. Allerdings besteht keine Verpflichtung zum Kauf einer solchen Karte, die Sache beruht auf freiwilliger Basis. Wer nur einmal hinaufgehen will und z. B. keine Liftfahrten oben konsumieren will, um dadurch noch mehr H├Âhenmeter beim Aufstieg zusammen zu bringen, kann dies auch weiterhin kostenlos tun. Wir denken auch ├╝ber eine Saisonkarte nach, allerdings besteht hier eine Problematik mit dem abzurechnenden Konsum im Gasthaus. Den Weg, eine blo├če Parkplatzgeb├╝hr einzuheben, wollen wir aber keinesfalls einschlagen."
BOBOS Kinderpark ist der zweitgr├Â├čte in Tirol.
BOBOS Kinderpark ist der zweitgr├Â├čte in Tirol.
MM: "Wie sieht das Angebot konkret aus?"
G├╝nther: "Am Parkplatz ist eine gro├če Orientierungstafel mit den Strecken aufgestellt, daneben befindet sich die LVS-Kontrollstation. Es existieren 6 Varianten, jeweils drei auf unserer Seite und drei auf Hochfilzener Seite, unterteilt in Anf├Ąnger, Fortgeschrittene und Profis. Alles ist mit Streckentafeln super best├╝ckt und wenn man zwischendurch oben einmal abf├Ąhrt auf die Hochfilzener Seite, dann bringt man es auf 1200 H├Âhenmeter, was durchaus einer flotten Skitour entspricht. Beleuchtet sind die Strecken abends allerdings nicht."
MM: "Welche positiven Effekte verspricht man sich davon? Auch in punkto freundlicher Stimmung gegen├╝ber ,untypischen G├Ąsten'?"
G├╝nther: "Letzten Winter war im Sportshop bereits eine Umsatzsteigerung im Tourenbereich und in der Gastronomie von fast 30 % zu verzeichnen. Es ist zu erwarten, dass sich die Erfolge im Laufe der Jahre potenzieren. Es stellt sich eine positive Mundpropaganda f├╝r unsere Region ein und wir versp├╝ren diese Stimmung einerseits im Sportshop, andererseits sind die Tourengeher in der Regel auch Skifahrer. So gesehen spricht man als Pistenbetreiber teilweise auch Leute aus der urspr├╝nglichen Zielgruppe an! Wenn wir also ├╝ber diese Geschichte unseren Bekanntheitsgrad steigern k├Ânnen, ist dies ein willkommener Effekt."
Paul G├╝nther am Beginn der Aufstiegsstrecke f├╝r die Tourengeher, mit einer der professionellen Markierungstafeln in der Hand. Foto: mak
Paul G├╝nther am Beginn der Aufstiegsstrecke f├╝r die Tourengeher, mit einer der professionellen Markierungstafeln in der Hand. Foto: mak
MM: "Warum klappt es bei euch und anderswo┬á noch nicht? M├╝ssen alle grunds├Ątzlich umdenken?"
G├╝nther: "Wir haben nat├╝rlich schon einen Vorteil. Wir sind ein relativ kleines Wintersportgebiet, bei dem durch meine Person vieles in einer Hand liegt. Ich habe ├╝ber die Bergbahn auch mit den 42 Grundbesitzern ein gutes Einvernehmen. Bei uns m├╝ssen sich nicht mehrere Chefs aus verschiedenen Unternehmen zusammenraufen, sondern es besteht eine Personalunion. Daher lie├č sich das Projekt so rasch umsetzen. Grunds├Ątzlich muss es in einer Region Leute geben, die eine L├Âsung suchen wollen. Je mehr Spieler jedoch beteiligt sind, umso mehr Kommunikation muss stattfinden. Es ist langatmiger einen Konsens zu erzielen - und das tun sich viele nicht an."
MM: "Wenn aber bereits ein Vorbild wie z. B. das eure existiert, m├╝sste das doch andere Gebiete auch animieren?"
G├╝nther: " Ja, die Salzburger Region Saalfelden-Leogang ist so ein Fall. Die werden fast "zwangsverpflichtet" durch unsere Situation. Hier hat sich der Tourismusverband das Ziel gesetzt, die Umsetzung innerhalb von 5 Jahren zu schaffen. Diese Zeit werden sie auch brauchen. Der Beginn ist am liftlosen Biberg (Terrain der l├Ąngsten Winterrodelbahn ├ľsterreichs), erst dann wird Leogang mit seinen Pisten anpacken. Diese sind jedoch im Gegensatz zu uns aus dem Wald herausgeschlagen, so dass wenig Ausweichm├Âglichkeit besteht. Aber wenn man wirklich will, findet man ├╝berall eine passende L├Âsung - unter Umst├Ąnden muss man die Aufstiegsstrecke(n) eben abz├Ąunen. Alles beginnt bei der positiven Einstellung f├╝r diesen Sport. Die L├Âsung selbst wird aufgrund unterschiedlicher Gegebenheiten immer individuell ausfallen."
Im Sommer ist die Gegend ein Wanderparadies. Auch ein „Blumenlehrpfad“ wurde angelegt.
Im Sommer ist die Gegend ein Wanderparadies. Auch ein ÔÇ×BlumenlehrpfadÔÇť wurde angelegt.
MM: "Sollte sich jedes Skigebiet auch mit dem Tourenskisport besch├Ąftigen, oder gen├╝gen einige wenige Zentren f├╝r diesen Boom?"
G├╝nther: "Nur eine Handvoll solcher Tourenski Competence Center w├╝rde nicht ausreichen - man braucht nur in den Raum Innsbruck schauen oder nach St. Johann, welcher enorme Bedarf nach einem echten Angebot hier gegeben ist. Ich bin auch fast ├╝berzeugt, dass in etwa 5 Jahren dieses Segment Tourenskigehen zum Standardangebot ganz selbstverst├Ąndlich dazugeh├Âren wird, weil es sich letztlich keiner leisten kann, gegen einen Trend zu sein. Jedoch wird das Tourenskigehen weder die herk├Âmmliche Skischule noch das alpine Skifahren ersetzen k├Ânnen. Eine gewisse Kenntnis vom Skifahren muss jeder Tourengeher sowieso haben, sonst k├Ânnte er ja nach dem Aufstieg gar nicht mehr abfahren. Ich glaube, dass durch das Pistengehen die Leute einige Stunden mehr auf den Skiern stehen und dadurch automatisch in ihrer Technik besser werden oder sogar sagen: ich gehe zwischendurch auch einmal alpin Skifahren, damit ich mir hinterher mit den Tourenskiern leichter tue. Es beherrscht ja auch nicht jeder Einheimische von sich aus das Tiefschneefahren. Daher kaufen sich viele eine Saisonkarte, um an sch├Ânen Tagen etliche Wiederholungsfahrten durchzuf├╝hren, weil sie z. B. das Tiefschneefahren ├╝ben wollen. Die Grenzen zwischen den Skifahrertypen sind jedenfalls nicht so starr, wie man meinen k├Ânnte."
MM: "Kann man also davon ausgehen, dass sich beim Verdienst mehr als nur die oft zitierte Umwegrentabilit├Ąt einstellt?"
G├╝nther: "Es gibt ja Bestrebungen wie z. B. im Salzburger Land, die M├Âglichkeit f├╝r Tourenskigehen und das zur Verf├╝gung-Stellen von Infrastruktur
keinesfalls kostenlos anzubieten. Bei uns wird das wie o. e. aufgrund der Pr├Ąsenz von Gasth├Ąusern im Gebiet anders geregelt (freiwillige Karte etc.)."
MM: "Was halten Sie f├╝r die gr├Â├čte Herausforderung f├╝r die Zukunft?"
G├╝nther: "F├╝r uns ist es der Erhalt unseres kleinen aber feinen Wintersportgebietes mitten im Gro├čraum Kitzb├╝hel. Aus dieser Perspektive betrachtet, k├Ânnen wir es uns sicher nicht leisten, eine Gruppe auszuschlie├čen. Wenn alle die aufgestellten Regeln einhalten, ergibt sich letztlich eine Win-Win-Situation f├╝r alle. Die Qualit├Ąt muss heute ohnehin top sein, auch bei den Kleinen, und das Preis-Leistungsverh├Ąltnis muss stimmen." mak