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Marketing & Management - MM-Interview

Tirols höchster Gletscher investiert in die Zukunft

Ausgabe 4/2014

Der Pitztaler Gletscher gilt seit vielen Jahren als innovativ und umweltbewusst. Im Herbst 2009 hat man den ersten "All Weather Snowmaker" von IDE installiert, um bereits ab Mitte September gesichertes Training garantieren zu k√∂nnen. 2012 wurde mit der spektakul√§ren 8 EUB Wildspitzbahn¬† die h√∂chste Seilbahn √Ėsterreichs samt h√∂chstem Caf√© der Ostalpen auf 3 440 m errichtet. Nach dem Bau des Passivhauses "Sunna Alm" beschreitet die Pitztaler Gletscherbahn unter der F√ľhrung von Dr. Hans Rubatscher mit ihrem neuesten Projekt einer Photovoltaikanlage auf 2.800 m Seeh√∂he wieder zukunftsweisende Pfade: 2 500 PV-Module werden auf Drahtseile gespannt! Marketingleiter Mag. Marcus Herovitsch informierte den MM.
Dr. Hans Rubatscher, GF Pitztaler Gletscherbahnen - Fotos: Pitztaler GLB (5)
Dr. Hans Rubatscher, GF Pitztaler Gletscherbahnen - Fotos: Pitztaler GLB (5)
MM: "Seit wann kann man von visionärem Handeln am Pitztaler Gletscher sprechen?"
Herovitsch: "Schon vor 30 Jahren haben die Gesellschafter der Pitztaler Gletscherbahnen die Herausforderung angenommen und mit einer Stollenbahn die Erschlie√üung der Gletscherwelt am Hinteren Brunnenkogel und am Mittelbergferner in Angriff genommen. Nur wenige Experten gaben dem Projekt eine Chance. F√ľr die Entwicklung des Pitztales war es aber ein wesentlicher Faktor und die Funktion als Zugpferdes der Region besteht bis heute. Dies zeigte sich etwa beim Bau der Wildspitzbahn im Jahr 2012. Innovative Technik gepaart mit moderner Architektur und Komfort f√ľr die Ben√ľtzer gehen dabei Hand in Hand. Eine 8er Gondel ohne Gedr√§nge beim Ein- oder Ausstieg, denn man muss die Ski nicht in der Halterung an der Au√üenseite der Gondel m√ľhsam ,einf√§deln'. Hier steigt man einfach in die Bahn und steckt die Ski bequem in die Vorrichtung im Boden. Am Ziel dieser stressfreien Gondelfahrt erwartet den Gast das ,Caf√© 3 440': Preisgekr√∂nte Architektur, die gef√ľhlvoll in die Landschaft integriert wurde. Mit der vision√§ren Formgebung wurde eine wundersch√∂ne Bauskulptur unter schwierigsten √§u√üeren Bedingungen geschaffen. Unter naturgegebenem Zeitdruck und unberechenbaren Witterungsschwankungen entstand √Ėsterreichs h√∂chste Seilbahnstation mit dem integrierten Caf√© 3 440: Kaffeehauskultur auf h√∂chster Ebene!"
Das Caf√© 3 440 - das h√∂chste Kaffeehaus der Ostalpen auf 3 440 m H√∂he - hat u. a. mit seiner Architektur 2012 f√ľr Furore gesorgt.
Das Caf√© 3 440 - das h√∂chste Kaffeehaus der Ostalpen auf 3 440 m H√∂he - hat u. a. mit seiner Architektur 2012 f√ľr Furore gesorgt.
MM: "Welche Rolle spielt bei euch das Umweltbewusstsein generell? Ist das Passivhaus "Sunna Alm" als √Ėko-Signal zu verstehen, das jetzt durch die Errichtung einer Photovoltaik-Anlage auf 2 800 m noch verst√§rkt wird?"
Herovitsch: "Breite Naturschneepisten von Oktober bis Mai, daf√ľr sind Gletscherkigebiete bekannt. Gerade in schneearmen Saisonen findet der Wintersportler dort jene Bedingungen, die man auch von Postkartenmotiven und Werbeprospekten kennt. Viel moderne Technik steckt allerdings hinter den Fassaden der Bergbahngeb√§ude, um dieses Erlebnis bieten zu k√∂nnen. Am Pitztaler Gletscher denkt man dabei meist einen Schritt voraus, um eine ideale Verbindung von Natur und Technik zu gew√§hrleisten. Der n√§chste Schritt ist jetzt die Nutzung der Sonnen-Energie!
Energie spielt nicht nur bei der Produktion von Schnee mit dem israelischen Snowmaker eine Rolle. F√ľr Bergbahnbetreiber stellt sie den wichtigsten Rohstoff dar, um die Anlagen in Bewegung zu halten. Bereits beim Bau der Rifflseebahn nahm man auch darauf R√ľcksicht, um m√∂glichst energieeffizient zu agieren. Die Bergstation mit dem Restaurant Sunna Alm wurde daher als Passivhaus errichtet. Die gro√üen Glasfronten dienen nicht nur, um die herrliche Aussicht auf die faszinierende Berglandschaft zu genie√üen, sondern lassen auch die Sonnenstrahlen ihren Beitrag zur Erw√§rmung der Gastr√§ume beitragen. Eine entsprechende Bel√ľftung gekoppelt mit Erdw√§rme tragen zu wohliger Atmosph√§re bei, auch wenn einmal der Schneesturm noch so stark um die Sunna Alm pfeift."
Die Bergstation der Rifflseebahn mit dem Restaurant Sunna Alm wurde 2007 als Passivhaus errichtet.
Die Bergstation der Rifflseebahn mit dem Restaurant Sunna Alm wurde 2007 als Passivhaus errichtet.
MM: "Welche Größe und Leistung wird die PV-Anlage aufweisen und wo wird sie installiert werden?
Herovitsch: "2 500 Module mit einer Gesamtfl√§che von √ľber 400m¬≤ auf Drahtseilen gespannt sollen in der Endausbauphase dieser Anlage rund 850 000 kWh/Jahr liefern. Den Vorteil einer solchen Anlage findet man vor allem auch in ihrer Lage. Auf einer Seeh√∂he von ca. 2 900 Metern sind wir europaweit ganz oben! Dementsprechend hoch f√§llt der Nutzungsgrad unserer Anlage aus. Aufgrund der extremen H√∂he ist die Stromgewinnung um 40 Prozent h√∂her als im Tal. Ein weiterer Vorteil ist, dass sich die Betriebszeit im Skigebiet genau mit den Ertragszeiten der Anlage decken. Der Gletscher ist f√ľr eine Photovoltaikanlage geradezu pr√§destiniert. Erg√§nzt muss hier noch werden, dass der meiste Energieverlust auf den Transportwegen erfolgt. Ein weiterer Grund f√ľr effizientes Energiemanagement, die Energieerzeugung m√∂glichst in N√§he des Verbrauchers zu realisieren.
Mit diesem rund 2,5 Millionen Euro teuren Projekt verfolgen wir zus√§tzlich noch das Ziel, einen Beitrag f√ľr nachhaltige Wirtschaft und Umweltschutz im Alpenraum zu leisten. Als einer der gr√∂√üten Arbeitgeber in der Region, wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen und einen neuen und vor allem √∂kologischen Weg im Wintertourismus einschlagen."
Die neue Photovoltaik-Anlage am Pitztaler Gletscher wird 2 500 PV-Module umfassen und ca. 850 000 kWh Strom pro Jahr liefern.
Die neue Photovoltaik-Anlage am Pitztaler Gletscher wird 2 500 PV-Module umfassen und ca. 850 000 kWh Strom pro Jahr liefern.
MM: "Erf√ľllt man damit einen Tribut an das steigende Umweltbewusstsein der heutigen G√§ste? Wie sieht das die Landesumweltanwaltschaft?"
Herovitsch: "Auch die Landesumweltanwaltschaft steht dem Projekt am Pitztaler Gletscher sehr positiv gegen√ľber und beurteilte das Vorhaben in einer ersten Stellungnahme als ,lobenswertes Vorzeigeprojekt', zumal die Eingriffe in die Natur marginal ausfallen und der Strom unmittelbar am Ort gewonnen wird, ohne das Landschaftsbild zu ver√§ndern. Der eingesparte Co2 -Aussto√ü liegt bei 510 000 kg pro Jahr.
Mit der Photovoltaik-Anlage am Pitztaler Gletscher geht man nicht nur den Weg eines nachhaltigen Tourismus, dem die Sch√∂nheit der Bergwelt als Kapital durchaus bewusst ist, sondern bleibt auch seiner Vorreiterrolle, innovative Ma√ünahmen zu setzen, treu. Dass moderne Technik auch √Ąsthetik ausstrahlen kann und sich zus√§tzlich noch in die nat√ľrliche Landschaft integriert, daf√ľr steht ebenfalls im Pitztal ein herausragendes Beispiel: √Ėsterreichs h√∂chstes Kaffeehaus, das Caf√© 3 440."
Auch √Ėsterreichs h√∂chste Seilbahn verkehrt am Pitztaler Gletscher: die gef√ľhlvoll in die Landschaft integrierte Wildspitzbahn.
Auch √Ėsterreichs h√∂chste Seilbahn verkehrt am Pitztaler Gletscher: die gef√ľhlvoll in die Landschaft integrierte Wildspitzbahn.
MM: "Warum habt Ihr Euch 2009 als erstes Skigebiet im Alpenraum entschieden, das temperaturunabhängige aber kostenintensive Schneeproduktionssystem IDE zu installieren?"
Herovitsch: "Gletscherregionen sind nach wie vor die Regionen des ewigen Eises und bed√ľrfen nur wenig Unterst√ľtzung durch technische Schneeproduktion. Mit dem R√ľckgang der Gletscher gestaltete sich die Pistenpr√§parierung allerdings schwieriger vor allem zum Start in den Gletscherherbst schwieriger. Mit der Entwicklung von Schneekanonen konnte hier nat√ľrlich nachgeholfen werden. Doch herk√∂mmliche Ger√§te ben√∂tigen dazu Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Eine Tatsache, die selbst auf 3 000 m Seeh√∂he Anfang September nicht selbstverst√§ndlich ist. Daher ging die Pitztaler Gletscherbahn auf die Suche nach alternativen Methoden zur Schneeerzeugung und wurde in Israel f√ľndig. Dort entwickelte man Anlagen, die Schnee und Eis f√ľr die K√ľhlung von Bohrmaschinen produzieren. Dabei wird - sehr vereinfacht ausgedr√ľckt - mittels Unterdruck dem Wasser Energie entzogen. Somit wandelt sich der Aggregatzustand vom fl√ľssigen in den festen, was beim Wasser bedeutet, dass Schnee und Eis entstehen. W√§hrend in S√ľdafrikas Diamantenminen diese Kristalle die Bohrk√∂pfe k√ľhlen, transportiert man im Pitztal den Schnee √ľber ein F√∂rderband direkt auf die Piste."
Der wetterunabhängige IDE Snowmaker direkt neben dem Talstationsgebäude der Pitz Panoramabahn war Europas erste Schneeanlage nach dem Vakuumprinzip. Foto: mak
Der wetterunabhängige IDE Snowmaker direkt neben dem Talstationsgebäude der Pitz Panoramabahn war Europas erste Schneeanlage nach dem Vakuumprinzip. Foto: mak
MM: "Ihr propagiert verantwortlichen und intelligenten Umgang mit der Ressource Schnee. Was kann man sich darunter vorstellen?"
Herovitsch: "Die k√ľnstliche Produktion von Schnee stellt nur einen kleinen Teil der Aufwendungen dar, um die Pisten auch trotz R√ľckgangs der Gletscher in optimalem Zustand zu halten. Mit einem ausgekl√ľgelten Schneemanagement versucht man am Pitztaler Gletscher den Schnee dort zu halten, wo man ihn ben√∂tigt, n√§mlich auf dem Gletscher selbst. So werden etwa je nach Wetterlagen und geografischer Ausrichtung des Hanges Schneew√§lle aufgeschoben, um die Windverfrachtung einzud√§mmen. Ein solcher Wall bildet dann, √§hnlich einem Bergkamm, ein Hindernis, an dessen R√ľckseite der Wind Schnee ablagert. So wie w√§hrend der Niederschlagsperiode versucht, wird die Schneeflocken am Gletscher zu halten, so probiert man dies auch in den Sommermonaten, indem gro√üe Schneedepots angelegt werden. Mit einer Folie abgedeckt, kann so der Schnee vom letzten Winter zu Beginn der darauffolgenden Skisaison wieder zur Pistenpr√§parierung verwendet werden. Damit bleibt der Schnee dort, wo er f√ľr den Gletscher wichtig ist - in der N√§hrzone. Gletscherskigebiete tragen daher nicht zum R√ľckgang der Eismassen bei, sondern versuchen schon aus Eigeninteresse heraus, genau das Gegenteil zu erzielen."