Mountain Manager
Home Home    Redaktion Redaktion    Anzeigen Anzeigen    Abo Service Abo Service    Kontakt Kontakt    Impressum Impressum

MM Magazin - Trends

Der Kunde 2015 – Las Vegas und Mekka zugleich

Ausgabe 7/2007

Der Wiener Zukunftsforscher Mag. Andreas Reiter hat sich zum Thema „Der Kunde 2015 – erfolgreiche Produkte für den Tourismus der Zukunft“ Gedanken gemacht. Reiter bescheinigt der Branche aufgrund des internationalen Wettbewerbs einen enormen Innovations- und Veränderungsdruck. So müssten sich Destinationen immer wieder von neuem erfinden – vom Bergsommer bis hinzum Winter ohne Schnee. Als Leuchttürme werden sich nur jene behaupten, die sich am besten auf das hybride Freizeitverhalten, die zunehmende Internationalisierung, den Klimawandel mit seinen Angebots-Chancen sowie das alternde Gästeklientel aus Europas Hauptquellmärkten einstellen können.
Trendforscher Mag. Andreas Reiter, Gründer des ZTB Zukunftsbüros Wien und Lehrbeauftragter Universitätslehrgangfür Tourismus Innsbruck, bei seinem Vortrag am Allgäuer Tourismustag. Foto: mak
Trendforscher Mag. Andreas Reiter, Gründer des ZTB Zukunftsbüros Wien und Lehrbeauftragter Universitätslehrgangfür Tourismus Innsbruck, bei seinem Vortrag am Allgäuer Tourismustag. Foto: mak
MM-FRAGE: „Die Ausdifferenzierung der touristischen Angebote
muss also rasant weitergehen. Innovation muss sich
aber daran orientieren, was den Kunden/Gästen etwas wert
ist. Was könnte das künftig sein?“

Reiter: „Ja, erfolgreiche Tourismus-Angebote orientieren sich immer mehr an den aktuellen Werten ihrer Kunden, sie sind stille Problemlöser! Denn Gäste sind zwar loyal gegenüber Themen, aber nicht gegenüber Destinationen. Deshalb müssen sich Touristiker zunehmend als Verwöhnungsdienstleister begreifen, deren Ziel es ist, die Lebensqualität der Gäste zu erhöhen.
Grundsätzlich zerteilt in Zukunft eine klare Segmentierung in Ballermann, Hot Spots und ,Hidden Places’ (Geheimtipps) die touristische Landschaft. Das bedeutet, man hat hier die Masse der Erlebnis-Touristen, dort hochwertige Produkte rund um die Kern-Themen ,Gesunder Genuß’, ,Soft Activity’, ,Better Aging’ aber auch ,Sinn-Konsum’. Wobei zwei Trends in jedem Fall zu berücksichtigen sind: die neue Sehnsucht der Menschen nach der Mitte, die nach den Jahren einer unglaublichen Ausdifferenzierung in der Gesellschaft (Individualisierung) wieder langsam hochkommt und ein völlig neues Freizeitverhalten. Wir haben es mit einer Drehung der Märkte zu tun. Immer weniger Europäer fahren Ski (94 % Nicht-Skifahrer), immer mehr Kinder haben kulturell einen Migrationshintergrund (Einwanderer). Man sieht nicht viele Türken auf den Skipisten! Die Internationalisierung ist zwar eine ungeheure Chance, wir müssen jedoch auch die Werte dieser Menschen berücksichtigen. Und wir müssen neue Produkte für die alten Märkte aufbauen, etwa mit dem Thema Wasser etwas inszenieren – gerade für die künftigen Klimaflüchtlinge aus dem Mittelmeer. Die Bühne Berg muss bespielt werden, vor allem im Sommer! Im Winter sind ja künftig durch die Erwärmung viele Skigebiete gefährdet, nur wenige werden die Mittel haben, weiter aufzurüsten. Skifahren könnte kontingentiert und ein Luxusprodukt werden. Daher brauchen wir auch andere Produkte, solche, die 365 Tage im Jahr bespielbar sein werden. Ich denke da z. B. an teilweise beheizbare Seen – Beispiele dafürgibt es schon –, ganzjährige Outdoor-Sportarten, der Berg als Vitality Zone für die alternde Generation der Baby Boomer, die wieder extrem in die Natur hinaus gehen wollen. Und der Berg muss auch mehr innen inszeniert werden – etwa in Form von Höhlen.“

MM-FRAGE: „Woher leitet sich also der Veränderungsdruck auf den alpinen Tourismus her?“

Reiter: „Kurz gesagt sind es jene Themenbereiche:
- Zunehmende Internationalisierung der Gäste.
- Hybrides Freizeitverhalten.
- Klimawandel.
- Neue digitale Einkaufsrituale und Web-Communities (interaktive Produkt- und Preisgestaltung seitens des Konsumenten).
- Alterndes Gästeklientel.“

MM-FRAGE: „Sie scheinen dem Klimawandel auch Positives abgewinnen zu können?

Reiter:
„Der Klimawandel wird das Viagra des heimischen Sommertourismus sein. Es gibt enorme Chancen für den Heimaturlaub – was man früher als Sommerfrische bezeichnet hat. Außerdem sagen von den Mittelmeerurlaubern aus Deutschland 10%, wir wollen in Zukunft ein Ziel in der Nähe anpeilen. Und schließlich werden aus den Mittelmeerländern selbst vermehrt Leute in die frischeren, wasserreichen Alpen kommen, die es dort aufgrund der Hitze nicht mehr aushalten. Deshalb lohnt es sich, mythologische Wasserthemen zu inszenieren (z. B. Hexenwasser in Söll). Wassser ist ein unglaublich emotionales Thema. Man kann ganz einfach eine Synergie aus Berg und Wasser herstellen. Der Berg alleine reicht nicht mehr.“
Trendforscher Mag. Andreas Reiter, Gründer des ZTB Zukunftsbüros Wien und Lehrbeauftragter Universitätslehrgangfür Tourismus Innsbruck, bei seinem Vortrag am Allgäuer Tourismustag. Foto: mak
Trendforscher Mag. Andreas Reiter, Gründer des ZTB Zukunftsbüros Wien und Lehrbeauftragter Universitätslehrgangfür Tourismus Innsbruck, bei seinem Vortrag am Allgäuer Tourismustag. Foto: mak
MM-FRAGE: „Wie wirkt sich die fortschreitende Digitalisierung aus?“

Reiter: „Die Digitalisierung ist der dritte Veränderungsmoment. Durch das Internet gibt es eine unglaubliche Veränderung im Konsumentenverhalten. Die Grenze zwischen Käufer und Verkäufer verschwindet – man denke nur an Ebay. Spielerische neue Geschäftsmodelle und völlig neue Individualisierungen des Konsumenten entstehen (Skier mit persönlichem Logo etc.). Immer stärker zum Tragen kommen werden auch interaktive Modelle, die selbst den Preis miteinbeziehen. Weiters lösen sich die Grenzen zwischen den Branchen auf, man bekommt es also mit hybriden Märkten zu tun. So ist z. B. jetzt schon der 9. größte Gastronomieanbieter Deutschlands IKEA und der am zweitmeisten besuchte Ort Österreichs nach Schloß Schönbrunn die Swarovsky Kristallwelt. Das ermöglicht völlig neue Vertriebskonzepte.“

MM-FRAGE: „Wie sehen die zentralen Grundwerte der Konsumenten in naher Zukunft aus?“

Reiter: „Gäste wollen heute Spannung und Entspannung, Beschleunigung und Entschleunigung in einem Package. Wir haben es mit Erlebnis-Junkies zu tun, die sich nicht mit einem Leben zufrieden geben, sonderngleich mehrere auf einmal leben. Nach dem Motto ,Maximum kicks in minimum time’. Davon abgesehen verstärkt die Aufmerksamkeits- Ökonomie des 21. Jahrhunderts auch im Tourismus die Entwicklung  zu Lifestyle-Marken. Wirhaben eine neue Kultur der Aufmerksamkeit (z. B. Harakiri-Piste in Mayrhofen). Die Besetzung mit Lifestyle-Themen wird für die Urlaubswahl entscheidend, dennKunden sind zwar loyal gegenüber Themen, nicht aber gegenüber Destinationen. Grundsätzlich lassen sich folgende Grundwerte der künftigen Konsumenten samt dazugehörigen Anwendungsfeldern festhalten:
- Easy Living: Verwöhnung und Convenience als Leitwerte in der Nonstop-Gesellschaft von morgen; die Neue Zeit-Ökonomie – Zeit als Luxusgut.
- Gemeinschaft: Inszenierung von Gemeinschaft über Sport und Events; Es boomt, die inszenierte Gefahr genauso wie die Renaissance der Stille.
- Better Aging: Junger Lifestyle für alternde Baby-Boomer; Soft Sports, Gesundheit und Medical Wellness; Eine neue Alterskultur schaffen, denn zwei Drittel der über 60Jährigen sind heute aktiv.
- Sinn & Orientierung: Die Natur als Psychotop und Bühne für Identitätssuche; die Inszenierung des Berges als dreidimensionale Spielwiese. Viele Leute haben ein metaphysisches Defizit, daher kommt ,meditatives Wandern’. Generell ist die Frage: wie attraktiviere ich die Zeit des Kunden? Das funktioniert am besten über eine Verbindung von Produkt und Service. Der Touristiker muss also ein Verwöhnungsdienstleister werden. Es geht darum, die Lebensqualität der Gäste zu erhöhen und emotionale Produkte zu kreieren (Kraftplätze, Skywalks etc.). Menschensollen die Zeit bei uns sinnvoll verbringen und zugleich Spaß haben. Wenn sie so wollen, geht es um eine Verbindung von Las Vegas und Mekka. Diese Bereiche hat der Tourismus bisher getrennt. Es gilt, die Pole Übermut und Demut aufzuheben!“

MM: „Wir danken für das Gespräch.“