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MM Magazin - Trends

Staunen ist erlaubt – Bergerlebnisse statt Bergspektakel

Ausgabe 8/2014

Das Bestehende neu zu interpretieren, ohne es zu überfrachten, ist die Devise bei idee Concept & Exhibition Engineering. Wie attraktive Erlebniskonzepte im Einklang mit der Natur aussehen können, zeigen ihre nunmehr bereits fünf Projekte im Tiroler Stubaital. GF Marius Massimo ist ein Gegner der Disneyisierung und erklärt seine spezielle Herangehensweise.
Mag. Marius Massimo, GF idee Concept & Exhibition Engineering GmbH. Fotos: Idee GmbH (3)
Mag. Marius Massimo, GF idee Concept & Exhibition Engineering GmbH. Fotos: Idee GmbH (3)
MM: „Herr Massimo, die Stubaier Projekte geben einen guten Überblick über das Typische Eurer Kreativität. Um welche handelt es sich konkret und wie kann man sie grob skizzieren?“

Marius Massimo: „Lange Zeit war das Stubaital sehr auf Skifahren fixiert, bis man erkannt hat, dass auch der Sommer großes Potenzial birgt und man aus dem Bestehenden etwas Originelles machen kann. Bei den Elfer-Liften haben wir dann z. B. die größte ‚Begehbare Sonnenuhr‘ konzipiert und in Folge dazu den Ge(h)zeiten-Weg, bei dem es um die geologischen Zeiten rund um den Elfer geht; Weiters die ‚Seven Summits Stubai‘ – hier werden 7 Berge mit ihrem speziellen Charakter herausgehoben und die Gäste im Tal u. a. durch ein Belohnungssystem zum Hinaufgehen animiert. Dann gibt es die ,Naturschauplätze‘, das sind spezielle sanfte Inszenierungen von Plätzen, die schon immer von den Einheimischen zum Kraft-Tanken oder Aussicht-Genießen aufgesucht wurden. Es ist geplant, das Angebot jedes Jahr um ca. drei weitere „Naturschauplätze“ bis auf 25 zu ergänzen. Last but not least haben wir den Wilde-WasserWeg inszeniert, einen 9 km langen Themenweg, welcher die Kraft des Elements Wasser ausgehend vom Gletscher bis herunter ins Tal auf besondere Weise erleb- und spürbar macht.“

MM: „Wie seid Ihr auf die Idee zu den ‚Seven Summits Stubai‘ gekommen, was ist das Spezielle daran und welche Elemente werden zur Umsetzung herangezogen?“

Massimo: „Die Initiative ist vom TVB ausgegangen. Bei den Seven Summits Stubai geht es nicht nur um Höhe (hier existieren über 100 Dreitausender!), sondern darum, was den Menschen diese Berge bedeuten.  Sieben Gipfel, die einen Eindruck hinterlassen, eine Geschichte erzählen oder markant die Landschaft prägen, wurden von einheimischen Wander- und Bergführern ausgewählt und sollen auch den Besuchern des Stubaitales Freude bereiten. Je nach Charakter tragen die Berge auch Titel wie z. B. der Fordernde, der Zurückhaltende, die Verlockende, der Markante, die Regierende usw.
Zur Illustrierung des jeweiligen Charakters setzen wir verschiedene Pictogramme ein. Bei und auf den 7 Routen wurden keine Tafeln mit Bilderklärungen aufgestellt – das Tafelsystem wuchert sowieso ganz wild – sondern jeweils 3 sogenannte ,Visholos‘. Dabei handelt es sich um offene Würfel, die beim Durchschauen einen zielgerichteten Blick freigeben. Über diesen Blick blendet die Optik spezielle Informationen ein, z. B. warum es hier ,Eulenwiese‘ heißt oder was es mit der Sage von König Serles auf sich hat.
Das ganze Thema samt in Aussicht gestellter Belohnung wird auf einem Parkplatz im Stubaital präsentiert und animiert die Gäste, aktiv zu werden. Sonst weiß man bei der Vielfalt der Möglichkeiten oft gar nicht, was man am besten tun soll. Dadurch, dass es mit eieiner Belohnung verbunden ist, wenn man einen Gipfel (Stubai T-Shirt) oder alle 7 Gipfel (zirbengefertigte Stele) erklommen hat, ergibt sich ein besonderer Ansporn: man kann einen Erfolg herzeigen! Dieses System kennt man schon von den Wandernadeln her. Gestaltet wurden von uns auch das Gipfelbuch in einer besonderen Schatulle, damit jeder seinen ‚Gipfelsieg‘ bestätigen kann, sowie die Auszeichnung selbst.“
Beim Projekt „Seven Summits Stubai“ setzte man auf VISHOLOS statt auf Schautafeln. Foto: TVB Stubai, Andre Schönherr
Beim Projekt „Seven Summits Stubai“ setzte man auf VISHOLOS statt auf Schautafeln. Foto: TVB Stubai, Andre Schönherr
MM: „Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch die Neuheit ‚VISHOLO‘ als Mittel zur Inszenierung. Was kann man sich darunter vorstellen, warum wurde es entwickelt und wie kommt es an?“

Massimo: „Im Gegensatz zu unserem intelligenten Aussichtsfernrohr VISCOPE, das ja ein aufwendiges, 360° drehbares Präzisionsgerät und somit für viele Anwendungen zu speziell ist, kann man das neue Projektionssystem VISHOLO überall einsetzen. Die Einblendung geht auf das gleiche System zurück, aber in einem starren Würfel. Es gibt einen großen Blickwinkel, über den man Informationen blenden kann – jedoch keine Detailinformationen wie z. B. am Gipfel zum Panorama. Dafür existiert das VISCOPE. Beim VISHOLO geht es um einen speziellen Ausschnitt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Leute fast magisch von den Boxen angezogen werden, um durchzuschauen, sogar oft Schlange stehen! So ein Element ist viel einladender als eine flache Schautafel, denn es bietet einen neuen Zugang zur Informationsvermittlung – passend zur heutigen TV- und Bildschirm-Generation. Es wurde übrigens auch vom TVB und den Bergführern positiv aufgenommen.“

MM: „Eure vorherige Kreation VISCOPE hat sich ja bereits zum Renner gemausert. Wie viele Anwendungen gibt es, worauf führen Sie den Erfolg zurück?“

Massimo: „Vom VISCOPE haben wir bisher etwa 120 Anwendungen umgesetzt. Seit es etliche Realisierungen vor Ort gibt, können sich die Kunden etwas Konkretes darunter vorstellen. Dadurch verbreitet sich das Gerät jetzt viel schneller als nach der Markteinführung als ‚Weltneuheit‘, wo man noch keinen Vergleich hatte und viel verbal beschrieben werden musste. Die Gäste reagieren äußerst positiv darauf und erwarten sich auch anderswo ein solches Gerät, wenn sie es einmal in einer Destination kennengelernt haben. Darauf reagieren dann wieder die Touristiker und kontaktieren uns deswegen immer häufiger. Der Anwendungsbereich ist jedoch nicht auf Berggipfel beschränkt, auch urbane Plätze, Aussichtstürme, Besucherzentren oder Naturparks und Museen sind damit gut beraten. Eine der jüngsten Installationen ging z. B. auf einen kleinen Hügel nach Fulda (D) mit Blick in das hessische Vulkanland.
Der Erfolg ist meiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass das Thema ‚Aussicht‘ neu interpretiert wird. Bei Panoramatafeln haben die Gäste außerdem riesige Probleme (im Gegensatz zu uns Einheimischen) bei der Zuordnung von Information. Hier schafft die punktgenaue Einblendung im VISCOPE Abhilfe. Hinzu kommen die ästhetisch ansprechende Gestaltung und die Einfachheit des Systems – man braucht z. B. keinen Strom und die Hardware ist nicht kaputt zu kriegen. Vermutlich wird das VISCOPE eines Tages State of the Art sein.“
So ein Visholo animiert die Gäste zum Durchschauen. Manchmal bilden sich sogar Schlangen… Foto: TVB Stubai, Andre Schönherr
So ein Visholo animiert die Gäste zum Durchschauen. Manchmal bilden sich sogar Schlangen… Foto: TVB Stubai, Andre Schönherr
MM: „Werdet Ihr noch weitere Module zum Thema ‚Aussicht und Perspektive am Berg‘ entwickeln?“

Massimo: „Es wird sicherlich dazu noch weitere Produkte von uns geben, Ideen dazu sind vorhanden. Die Marktreife wird aber vermutlich nicht vor 2016 erreicht werden. 2015 wird der Lancierung des Themas VISHOLO unser Hauptaugenmerk gelten. Innovationen werden noch etliche am Markt vertragen, denn die Bergbahnen sind ja immer noch zu 90 % auf den Winter fokussiert und haben großes Potenzial für den Sommertourismus. Es muss ja nicht immer gleich eine Erlebniswelt um 2 Mio. € sein, sondern es können auch schon ganz kleine Plätze inszeniert werden. So kann man auch mit geringerem Budget aufzeigen.“

MM: „Was wird mit dem Projekt Naturschauplätze beabsichtigt? War hier ein besonders sensibler Umgang mit den Materialien gefragt?“

Massimo: „Der Hauptpunkt ist Entschleunigung, und zwar an Orten, wo schon die Einheimischen gerne verweilt sind. In den nächsten Jahren sollen nach und nach die 25 schönsten Plätze im Stubaital künstlerisch dezent und passend zur Natur gestaltet werden. Die ersten beiden Naturschauplätze – Kartnall in Neustift und die Eulenwiesen in Gleins/Schönberg wurden im Sommer 2014 – angelegt. Bei der Inszenierung musste man besonders auf die eingesetzten Materialien Acht geben, um die Harmonie mit der Umgebung zu gewährleisten. So nimmt man z. B. für die Klötze der Holzbänke das Holz aus dem Umfeld und für eine Aussichts-Trasse Natursteine aus dem Stubaital, sodass das Element selbst fast nicht ‚sichtbar‘ ist. Hier lässt sich z. B. auch für eine Familie auf einer Wandertour gut Picknicken – ohne das Areal aber zum Spielplatz umfunktionieren zu wollen.“
Am WildeWasserWeg wird das Naturereignis Wasser vom Gletscher bis zum Wasserfall und Gebirgsbach erlebbar gemacht. Foto: Heinz Zak
Am WildeWasserWeg wird das Naturereignis Wasser vom Gletscher bis zum Wasserfall und Gebirgsbach erlebbar gemacht. Foto: Heinz Zak
MM: „Braucht der heutige Wandergast/Sommergast diese Art von Moderation beim Konsum von Naturerlebnissen?“

Massimo: „Mit der sanften Führung hat der Alpenverein schon vor 150 Jahren mit Gipfelkreuzen und Hütten begonnen und die Wege dazu instand gehalten. So betrachtet kann man nicht sagen, dass dies heute etwas Neues ist, sondern eher eine Variante davon. Der AV hatte auch das Ziel, die urbane Bevölkerung in die Berge zu führen. Heute gibt es vermutlich mehr Leute, die in die (alpine) Natur gehen wollen, als damals, wo es sich nur die Reichen leisten konnten. Freizeit mit seinen vielen Möglichkeiten ist ein Wert in Mitteleuropa geworden und dieses gewachsene Klientel hat auch sehr vielfältige Ansprüche bzw. kann mit den verschiedensten Methoden animiert werden. Nicht jeder hat ja so einen Naturzugang wie ein Alpenvereinsmitglied.“
Naturschauplatz mit Aussicht: Kartnaller Höfe.
Naturschauplatz mit Aussicht: Kartnaller Höfe.
MM: „Der WildeWasserWeg widmet sich dem Thema ,Der Weg des Wassers vom Gletscher bis zum Wasserfall bzw. Gebirgsbach‘. Welche Art von Inszenierung gibt es hier?“

Massimo: „Auf dem 9 km langen Weg werden 10 Stationen, 3 Plattformen und eine Brücke über den Ruetz-Katarakt angelegt; Die erste Station befindet sich auf 2 800 m Höhe, die letzte auf 1 200 m. Das Naturereignis Wasser zieht die Menschen schon seit Urzeiten in seinen Bann. Besonders fesselnd ist es, die Entstehung eines reißenden Baches bis zu seinen Ursprüngen zurückzuverfolgen und auf seinen Spuren zu wandern. Am WildeWasserWeg im Stubaital wird dieses Naturereignis mit relativ emotionalen Komponenten inszeniert und so auf fantastische Art und Weise erlebbar gemacht. Ausgehend von in der Sonne gleisenden Gletscherfeldern über türkisblaue Gebirgsseen, etlichen kleineren Quellen, die sich zu tosenden Wasserfällen sammeln, bis hin zu kleinen Auen und Schwemmland gibt es auf vier Etappen alle unterschiedlichen Erscheinungsformen von Wasser zu bestaunen.
Eines der Highlights entlang des Wanderweges ist der Grawa Wasserfall, der breiteste Wasserfall der Ostalpen und ein Naturdenkmal! Wir haben am Weg u. a. Rahmen angebracht, die zum Durchschauen animieren, und zwar in den verschiedensten, jeweils zur Umgebung bzw. Story passenden Materialien. Auch beim Design der Bauwerke wurde auf das Besondere und Authentische geachtet – z. B. bei der Brücke mit asymmetrischem, stromlinienförmigen Geländer oder den Aussichtsplattformen. Wir wollen überhaupt von den eckigen Formen wegkommen.“
Es sollen sukzessive ca. 25 Naturschauplätze in Szene gesetzt werden. Im Bild: Die Gleinser Wiesen.
Es sollen sukzessive ca. 25 Naturschauplätze in Szene gesetzt werden. Im Bild: Die Gleinser Wiesen.
MM: „Können Sie zum Schluss noch einen Ausblick auf künftige Projekte geben? Was ist überhaupt noch vorstellbar an Realisierungen?“

Massimo: „Der Sommertourismus wird immer wichtiger, aber die Qualität des Angebotes muss noch gesteigert werden – und zwar auch bei den kleineren Betrieben. Wie gesagt, muss das nicht immer mit dramatischen Kosten verbunden sein, es genügt oft, das Authentische herzuzeigen und z. B. einen Zirbenweg statt einem aufwendig inszenierten Themenweg anzulegen, wie sie derzeit aus dem ‚Boden schießen‘. Wir stehen überhaupt weniger für Infotainment (das überlassen wir eher den Mitbewerbern), sondern für eine kulturelle und originelle Interpretation des Bestehenden mit dezenten Hintergrundinformationen sowie möglichst wenig Eingriff in die Natur. Sicherlich werden Baumhaus-Inszenierungen, Wipfelpfade oder Speicherteich- Bespielungen weiter zunehmen. Für Letzteres wurden wir z. B. von den Serlesbahnen in Mieders eingeladen, um 2015 den neuen Speicherteich unterhalb der Bergstation Koppeneck als Sommerattraktion zu gestalten. Hier werden u. a. außergewöhnlich designte Baumhäuser mit Aussicht auf Wasser und Bergwelt zum Einsatz kommen!

MM: „Herr Massimo, wir danken für das Gespräch.“