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Technik & Wirtschaft - Elektrotechnik

Bew√§hrte Frey-Seilbahnsteuerungen - Automatisch zum Merkur und zur√ľck

Ausgabe 7/2008

Seit 1913 verkehrt die Baden-Badener Merkurbahn auf den Hausberg der Kurstadt. Nach der Stilllegung 1967 ging die Standseilbahn nach einer Kompletterneuerung 1979 wieder in Betrieb. Mehrere weitere Modernisierungsschritte √ľber die vergangenen Jahre gew√§hrleisten den sicheren und rentablen Betrieb unter st√§dtischer Regie. Ein Hauptbestandteil war dabei die Anpassung der Bahnsteuerung und -elektronik durch die Schweizer Frey AG, Stans.
Umfangreiche Modernisierungen brachten die Baden-Badener Merkurbahn außen und innen auf den neuesten Stand der Technik.
Umfangreiche Modernisierungen brachten die Baden-Badener Merkurbahn außen und innen auf den neuesten Stand der Technik.
√Ėffentlicher Bergverkehr
Sie ist vielleicht nicht mehr die ganz gro√üe Attraktion wie zu Kaisers Zeiten, als die Baden-Badener und vor allem G√§ste der Kurstadt noch mit der eigens angelegten Tram zur Talstation der Merkurbahn und von dort auf ihren 668 m hohen Haus-‚ÄěBerg‚Äú mit seiner Ausflugsgastronomie und Hotellerie str√∂mten. Nach wie vor 180 000 Fahrg√§ste pro Jahr belegen jedoch die ungebrochene touristische Bedeutung der Standseilbahn f√ľr die B√§derstadt und best√§tigen das gemeinsame Engagement von Kurverwaltung und spendenfreudigen B√ľrgern zur Kompletterneuerung nach fast 12 Jahren Stillstand ‚Äď auch fast 30 Jahre seit Wiederer√∂ffnung. Zwar musste die Stra√üenbahnlinie Bussen weichen, als st√§dtischer Eigenbetrieb ist die Merkurbahn auch weiterhin nicht nur fahrplanm√§√üig Bestandteil des √Ėffentlichen Nahverkehrs in Baden-Baden. Mit ihren t√§glichen Kernbetriebszeiten von 10‚Äď22 Uhr ‚Äď nur unterbrochen von zwei winterlichen Revisionswochen ‚Äď ist sie organisatorisch und betriebstechnisch eingebunden in die ‚ÄěBaden-Baden-Linie‚Äú, der Abteilung Busverkehr der Stadtwerke Baden-Baden. Entsprechend ist dertechnische Leiter des Omnibus-Betriebs, Dipl.-Ing. Michael Schindler, nicht nur f√ľr den Unterhalt der derzeit 41 Busse zust√§ndig, sondern verantwortet mit insgesamt vier Stellvertretern auch den Betrieb der Merkur-Bahn. F√ľr die √Ėffentlichkeit war wohl die Rundum-Erneuerung der beiden 30-Personen-Wagen durch Gangloff im Jahre 2002 der augenscheinlichste Schritt. Beide Fahrzeuge wurden aufw√§ndig nach neuesten Sicherheitsbestimmungen (v. a. Brandschutz) modernisiert und f√ľr den Automatikbetrieb optimiert. Bereits 2000 war nach √ľber 20 Jahren das Fern√ľberwachungssystem (FUA) und die Fahrzeug-Elektrik erneuert worden. Schon bei der Installation des neuen Teichmann- Systems wurden Schnittstellen f√ľr die sp√§ter geplante Erneuerung von Antrieb und Steuerung eingerichtet. 2006 war es dann soweit ‚Äď den Komplettauftrag erhielt die Schweizer Frey AG, Stans. ‚ÄěFrey hatte damals als einziger Anbieter bereits zertifizierte Seilbahnsteuerungen in Deutschland realisiert ‚Äď das war mit ein Grund f√ľr die Entscheidung,‚Äú erkl√§rt Michael Schindler r√ľckblickend. ‚ÄěIn einem umfangreichen Lastenheft formulierten wir alle Zweckvorgaben und Betriebserfordernisse. Die Frey AG setzte diese dann entsprechend ihrer Systemkonfiguration um.‚Äú Neben dem Einbau einer neuen SPS-Antriebssteuerung, der Einbindung der vorhandenen FUA und Antriebstechnik (Motoren, Hydraulik, etc.) realisierte die Frey AG teilweise in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern auch die modernen Visualisierungs-und Kommunikationssysteme, die heute den Bahnbetrieb direkt aus der Verkehrsleitstelle erm√∂glichen. So verlegte ein st√§dtischer Schwesterbetrieb die rund 5 Kilometer Glasfaserkabel f√ľr den Datenverkehr zwischen der Bergstation mit Antrieb und Steuerung, den Zug√§ngen im Tal und der Leitstelle im Baden-Badener Stadtteil Oberbeuern.
Der Technische Leiter Michael Schindler am „Herzst√ľck“ der Seilbahnsteuerung in der Bergstation. Die moderne SPS-Technologie wurde 2006 installiert und mit den bestehenden Antriebs- und Steuerungskomponenten der FUA kombiniert.
Der Technische Leiter Michael Schindler am ‚ÄěHerzst√ľck‚Äú der Seilbahnsteuerung in der Bergstation. Die moderne SPS-Technologie wurde 2006 installiert und mit den bestehenden Antriebs- und Steuerungskomponenten der FUA kombiniert.
Gut vernetzter Betrieb
Nur zur morgendlichen Betriebsaufnahme m√ľssen Betriebsleiter Schindler oder seine Stellvertreter noch an die Bahn. Nach dem obligaten Sicherheitscheck erfolgt die Freigabe und der Verkehrsmeister im Kontrollraum √ľbernimmt die Bahn.
Dabei verl√§uft der Betrieb allerdings vollautomatisch auf Anforderung des Fahrgastes oder bei Bedarf im 10-Minuten-Takt: der Fahrgast l√∂st sein Ticket, passiert die Drehkreuze und setzt die Bahn im Wagen per Knopfdruck selbst in Bewegung. √úber insgesamt f√ľnf Kameras in und au√üerhalb der Stationen kann der Verkehrsmeister den Fahrgaststrom kontrollieren, bei Bedarf √ľber Gegensprechanlagen kommunizieren oder die separaten Zug√§nge f√ľr Kinderwagen oder mit sperrigem Ger√§t ankommenden Gleitschirmflieger √∂ffnen. Alle Bewegungen und Betriebszust√§nde laufen √ľber das VisInfo-System von Frey an den beiden Steuerterminals in der Bergstation und in der Leitstelle auf. W√§hrend am Berg √ľber den Touchscreen oder das PC-Terminal alle grundlegenden Einstellungen vorgenommen werden k√∂nnen, ist aus Sicherheitsgr√ľnden der manuelle Eingriff des Verkehrsmeisters im Kontrollraum auf den reinen Fahrbetrieb beschr√§nkt. Unterst√ľtzt wird er dabei unter anderem durch die Daten der eingebundenen Wetterstationen: ‚Äě√úbersteigen die am Berg und an der Weiche gemessenen Windgeschwindigkeiten im Mittel 60 km/h, alarmiert das System, und der Verkehrsmeister kann die Bahn stilllegen,‚Äú erkl√§rt Michael Schindler das zumindest f√ľr deutsche Standseilbahnen recht ungew√∂hnliche Meteo-Feature. √úberhaupt ist die gesamte Anlage auf den Baden-Badener Bedarf ma√ügeschneidert. So sind die VisInfo- Fernabfragen auch am pers√∂nlichen B√ľrocomputer von Betriebschef Schindler einsehbar. Zudem schafft das System auch eine hohe Flexibilit√§t in den Betriebszeiten: Im Zusammenspiel mit den rund um die Uhr besetzten Leitstellen bei Verkehrsbetrieben und Stadtwerken kann der Wirt des ‚ÄěMerkurst√ľble‚Äú als Aufsichtsf√ľhrender sein Restaurant in der Bergstation bis sp√§t in die Nacht offen halten, was zur weiteren Auslastung des Pachtbetriebes beitr√§gt. ‚ÄěDas komplette System und auch der Frey-Service haben von Anfang an √ľberzeugt. Das gilt f√ľr die Komplettabnahme 2006, die wir im Rahmen der Zertifizierung in Zusammenarbeit mit der Aufsichtsbeh√∂rde und dem √∂sterreichischen B√ľro Schupfer absolviert haben, wie auch f√ľr die j√§hrlichen √úberpr√ľfungen, wo wir zum Beispiel die tats√§chlichen Bremswerte mit den hinterlegten Referenzdaten vergleichen. Ohne die technische Leistungsf√§higkeit der Verkehrsbetriebe in der Behebung von St√∂rungen und der vorbeugenden Wartung, w√§re ein vollautomatischer Betrieb in dieser Dimension jedoch nicht m√∂glich,‚Äú stellt Michael Schindler zufrieden fest. tb
Verkehrsmeister Dieter Dymowski in der Verkehrsleitstelle: √úber VisInfo und das Touchscreen-Terminal l√§sst sich die 3,5 Kilometer entfernte Merkurbahn umfassend √ľberwachen.
Verkehrsmeister Dieter Dymowski in der Verkehrsleitstelle: √úber VisInfo und das Touchscreen-Terminal l√§sst sich die 3,5 Kilometer entfernte Merkurbahn umfassend √ľberwachen.
Zentrale Leitstelle
Knapp 3,5 Kilometer von der Bergbahn-Talstation liegen Verwaltung, Depots und Werkst√§tten der Baden-Baden-Linie. Dort sitzt auch die Verkehrsleitstelle, die neben den Bus-Linien auch den Pendelverkehr der Merkurbahn √ľberwacht. Bereits bei der Kompletterneuerung Ende der Siebziger Jahrewurde die Bahn f√ľr den vollautomatischen, schaffnerlosen Betrieb konzipiert. Bei den verschiedenen Modernisierungsschritten der vergangenen Jahre optimierten die Verantwortlichen nicht nur die Fahrgastf√ľhrung und den Komfort, sondern passten vor allem auch die √úberwachungs- und Steuerungstechnik an den Stand der Technik an.
Auch das „Merkurst√ľble“ in der historischen Bergstation profitiert vom Automatikbetrieb. Bis weit in die Nacht kann der Wirt die Standseilbahn zur Abfahrt offen halten. Fotos: Baden-Baden-Linie, tb
Auch das ‚ÄěMerkurst√ľble‚Äú in der historischen Bergstation profitiert vom Automatikbetrieb. Bis weit in die Nacht kann der Wirt die Standseilbahn zur Abfahrt offen halten. Fotos: Baden-Baden-Linie, tb
Technische Daten:
Höhe Talstation: 287 m
Höhe Bergstation: 657 m
Schräge Länge: 1192 m
Zugseillänge: 1260 m
Steigung min./max.: 23 %/54%
Spurweite: 1 000 mm
Motorleistung: 125/225 kW
Fahrzeuge: 2
Leergewicht: 5 675 kg
Sitz-/Stehplätze: 18/12
Höchstgeschwindigkeit: 6 m/s
Betriebsgeschwindigkeit: 4 m/s
Fahrzeit: 5 min
Max. Förderleistung: 300 P/h