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Technik & Wirtschaft - Sicherheit

Wyssen: Wirtschaftlicher Lawinenschutz mit System

Ausgabe 1/2009

Seit gut 10 Jahren ist der aktive Lawinenschutz das zweite Standbein der ĂŒber 80 Jahre agierenden Wyssen Seilbahnen AG aus Reichenbach (CH) und macht ein Drittel der AktivitĂ€ten aus. Mit der Produktlinie Wyssen Avalanche Control bietet sie heute eines der umfassendsten Programme in der kontrollierten Lawinenauslösung. Allen Wyssen-Lösungen gemein ist das effiziente Prinzip der Überschneesprengung, gepaart mit grĂ¶ĂŸtmöglicher WitterungsunabhĂ€ngigkeit, geringem Wartungsaufwand und hoher Sicherheit.
Mit ihrer Ver fĂŒgbarkeit ĂŒber die gesamte Saison beugen die Wyssen-Lawinensprengmasten einzeln oder im Verbund zuverlĂ€ssig Lawinengefahren vor: wie hier am Gornergrat in Zermatt.
Mit ihrer Ver fĂŒgbarkeit ĂŒber die gesamte Saison beugen die Wyssen-Lawinensprengmasten einzeln oder im Verbund zuverlĂ€ssig Lawinengefahren vor: wie hier am Gornergrat in Zermatt.
BerĂŒhrungspunkte zwischen dem Wyssen-Stammbetrieb und dem noch jungen Zweig Wyssen Avalanche Control gibt es seit vielen Jahren, etwa seit in den Siebzigern Wyssen- Seilkrane verstĂ€rkt beim Bau von Lawinenverbauungen eingesetzt wurden und natĂŒrlich in der Konstruktion von Lawinensprengbahnen, die noch heute zum Leistungsprogramm des rund 40 Mitarbeiter großen Betriebs zĂ€hlen. „Diese Erfahrungen aus dem Extremlagenbau und dem Design widerstandsfĂ€higer Stahlkonstruktionen flossen natĂŒrlich direkt in die Entwicklung unseres eigenen Lawinenschutz-Programmes,“ erklĂ€rt Samuel Wyssen. Gemeinsam mit GeschĂ€ftsfĂŒhrer Jakob Wyssen fĂŒhrt der 38jĂ€hrige Maschinenbau-Ingenieur und begeisterte Alpinist das Familienunternehmen als kaufmĂ€nnischer Leiter heute in dritter Generation. Hinzu kam die enge Zusammenarbeit mit Lawinenforschern und Geotechnikern sowie mit Praktikern aus öffentlichen und privaten Körperschaften: „Im Laufe der Jahre hat sich die kontrollierte Überschneeauslösung durch großflĂ€chige Druckwellen, egal ob mit klassischen Sprengstoffen oder Gasgemischen aus stationĂ€ren Verpuffungsrohren bzw. heligestĂŒtzten ZĂŒndmechanismen, als effizientestes Verfahren durchgesetzt“, resĂŒmiert Samuel Wyssen.

Denn eine Lawine ist kein statisches Gebilde, das sich an einer bestimmten Stelle immer wieder gleich aufbaut, sondern sich durch Windoder TemperatureinflĂŒsse stĂ€ndig verĂ€ndert. Entsprechend wechseln die ‚Hot Spots’, jene sensiblen Punkte, die man innerhalb der Anrisszonen treffen muss, um die Lawine auszulösen. Überschneesprengungen mit Detonationen um 1 bis 3 Meter ĂŒber der SchneeoberflĂ€che erzeugen hochfrequente Druckwellen mit großen Wirkradien und erreichen so zuverlĂ€ssig alle potenziellen Hot Spots. „Unser Ansatz waren zuverlĂ€ssige Systeme, die in potenziellen Gefahrenzonen alle Anforderungen an PrĂ€vention, Sicherheit und Effizienz erfĂŒllen und dabei fĂŒrden Betreiber ein Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit bieten.“
KapazitĂ€tsgrenzen erreicht: neben dem Bezug hochwertiger Stahlbauteile von angestammten Lieferanten fertigt die Wyssen Seilbahnen AG einen großen Anteil der SchlĂŒsselkomponenten ihrer Lastensysteme und Lawinenschutzprodukte selbst. Im Sommer diesen Jahres wird die FlĂ€che fĂŒr die moderne Produktion erheblich erweitert.
KapazitĂ€tsgrenzen erreicht: neben dem Bezug hochwertiger Stahlbauteile von angestammten Lieferanten fertigt die Wyssen Seilbahnen AG einen großen Anteil der SchlĂŒsselkomponenten ihrer Lastensysteme und Lawinenschutzprodukte selbst. Im Sommer diesen Jahres wird die FlĂ€che fĂŒr die moderne Produktion erheblich erweitert.
Lawinenschutz nach Maß
Insgesamt vier Systeme umfasst die Wyssen Avalanche Control und bietet damit nach eingehender Vor-Ort-Erkundung eine Lösung fĂŒr nahezu alle typischen Lawinen- GefĂ€hrdungen. „GrundsĂ€tzlich setzen wir auf die wetterunabhĂ€ngige Fernauslösung – nur sie garantiert den zeitgerechten Eingriff ohne GefĂ€hrdung des Personals,“ unterstreicht Samuel Wyssen.
Neben den fix installierten Wyssen-Sprengmasten leisten das auch der funkferngesteuerte Wyssen-Ladungsabwerfer mit zwei oder vier 5-kg-Sprengladungen zur Effizienzsteigerung klassischer Sprengseilbahnen oder die Avalancheur-Gasdruckkanone. Mit Reichweiten bis 2 000 Metern verschießt das französische System explosive Pfeilgeschosse in besonders exponierte Zonen mit vielen kleineren Anrisszonen. Ein AufschlagszĂŒnder zĂŒndet den 2-Komponenten-FlĂŒssigsprengstoff (2,2 kg) im 1,80 m langen Avalancheur-Pfeil, der mit effizienter Überschneewirkung detoniert. Einmal „fest eingeschossen“ arbeitet die fix installierte Avalancheur-Kanone auch ohne Sicht (Dunkelheit, Nebel) und wird damit zur echten und meist einzigen Alternative zu stark wetterabhĂ€ngigen Heli-EinsĂ€tzen. In diesem Licht ist auch der spezifische Avalancheur-Kostenmix aus niedrigen Hardware-Investitionen und vergleichsweise hohen Betriebskosten von rund 400 CHF/Schuss zu bewerten. Zum Vergleich: eine klassische Heli-Abwurfsprengung kann bei normaler VerfĂŒgbarkeit des FluggerĂ€ts mit ca. 100 Franken/Schuss angesetzt werden – allerdings bei starken EinschrĂ€nkungen im All - wetter-Einsatz, der Arbeitssicherheit und letztlich dem Wirkungsgrad der Abwurfladungen. Derzeit sind alleine n der Schweiz ein knappes Dutzend Avalancheure im Einsatz.
Samuel Wyssen in seinem Element: der begeisterte Alpinist ist als kaufmĂ€nnischer Leiter in dritter Geration im Unternehmen tĂ€tig und zustĂ€ndig fĂŒr die Sparte Wyssen Avalanche Control. Fotos: tb (2), privat
Auch ein 4er-Sessel wurde auf Windsicherheit getestet.
Erfolgsprodukt Sprengmasten
Auch bei ihren Hauptprodukten, den selbst entwickelten Wyssen-Sprengmasten, setzen die Reichenbacher kompromisslos auf Effizienz und Sicherheit, halten dabei dennoch die Kostenseite im Blick. Beide Modelle – der „große“ Lawinensprengmast LS12-5 und der Mini-Sprengmast 4-5 – werden lediglich per 4-Punkt-Felsanker direkt in den Anrisszonen positioniert. Die speziell berechneten Mastkonstruktionen tragen ein Magazin mit meh - reren 5-kg-Sprengladungen. Per Funksignal wird eine Magazinkammer geöffnet, im Fallen zĂŒndet die Ladung und detoniert zeitverzögert an einer Halteschnur im definierten Abstand zur SchneeoberflĂ€che. DieDruckwelle erreicht Wirkradien bis 130 Meter und löst zuverlĂ€ssig die Schneemassen.
Der Mini-Sprengmast ist fĂŒr gut zugĂ€ngliche Zonen konzipiert und wird entsprechend ĂŒber eine Elektro- Erdleitung mit Energie versorgt. Das Aufmunitionieren des 4-schĂŒssigen Magazins erfolgt manuell am Berg, die Einzelauslösung der Sprengladungen nach schlĂŒsselgesicherte Aktivierung der Stromzufuhr aus sicherer Entfernung per Handfunksignal.
FĂŒr exponierte Lagen bietet Wyssen seinen Lawinensprengmast mit Wechselmagazin. Zwölf Ladungen und die vollautarke Solarspeisung gewĂ€hrleisten eine kontinuierliche Betriebsbereitschaft am Berg meist ĂŒber die gesamte Saison. Aufmunitioniert wird sicher im Tal, Handling und Transport zu Saisonbeginn und -ende oder im Bedarfsfall ĂŒbernimmt ein Hubschrauber, wobei die speziell entwickelte Heli-Klinke das Auf- und Absetzen des Magazins am Mastkopf ohne teuren Flughelfer ermöglicht. Im hermetisch abgedichteten Magazin sitzt die gesamte Mechanik, die per codiertem Funksignal ĂŒber eine PC-Steuerung aktiviert wird. Die Steuerung erlaubt die einfache Vernetzung mehrerer Lawinen- Sprengmasten ebenso wie die Einbindung von Wettersensoren als Entscheidungshilfe fĂŒr die Sprengberechtigten. Großes Potenzial Insgesamt 117 inzwischen platzierte Lawinensprengmasten – teilweise in Großanlagen mit bis zu 40 Einzelmasten – zeugen vom großen Erfolg der Wyssen-Technologie. „Dort wo unbemannte Sprengsysteme zugelassen sind, sehen wir auch weiterhin ein großes Potenzial fĂŒr unsere Technik,“ erklĂ€rt Samuel Wyssen. „Zumal wir neben der allgemein anerkannten Effizienz immer noch fĂŒhrend im VerhĂ€ltnis Preis/Leistung sind.“ Weitgehend standardisierte Bauteile und ein vergleichsweise geringer Investitionsbedarf fĂŒr Montage und Infrastruktur sprechen hier fĂŒr die Wyssen-Sprengmasten, wobei die „kleine“ Lösung Mini-Sprengmast im internen Vergleich bei rund 50 % der Gestellungskosten eines vollautarken Wechselsystems liegt. Ein Ă€hnliches Bild bei den Betriebskosten: rund 200 CHF/Schuss setzt Samuel Wyssen inklusive aller Kosten fĂŒr Mann- und Heli- Stunden sowie den umfangreichen Wyssen-Vertragsservice bei den Wechsel-Sprengmasten an, auf durch schnittlich 100 CHF/Schuss kommen die manuellen Mini-Sprengmasten. Und so wird der Anteil der Lawinenschutz-Technologie im Hause Wyssen weiter steigen – nicht zuletzt durch eine intensivere Marktbearbeitung,wie etwa durch den neuen österreichischen Service-Standort Alpintechnik Wolf in Grinzens bei Innsbruck.
Schon fĂŒr den Sommer diesen Jahres ist jedenfalls der Ausbau des rund 2,2 ha großen Stammsitzes Reichenbach um weitere 1 000 m2 HallenflĂ€che geplant. tb